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Beten schärft den Verstand

Jean-Claude Kardinal Hollerich aus Luxemburg predigt beim Hildegardisfest
Beten schärft den Verstand
Beten schärft den Verstand
In der Wallfahrtskirche konnte die Reliquie der Heiligen verehrt werden. © Volker Rohrbach

Dass wir den Sinn für Gott verlieren, weil im Alltag der meisten Getauften das Gebet nicht mehr präsent ist: Davor hat Jean-Claude Kardinal Hollerich beim Hildegardisfest in Eibingen gewarnt. „Wir sind eigentlich, wenn wir ehrlich sind, eine Kirche, die nicht mehr betet“, lautete die Bestandsaufnahme des Kardinals aus Luxemburg am Freitag, 17. September. Wer nicht mehr mit dem lebendigen Gott im Gebet verbunden sei, erkenne seine Spuren im Alltag nicht mehr. In seiner Predigt im Pontifikalamt vor der Wallfahrtskirche St. Hildegard bezeichnete er die heilige Hildegard als „Riesin in der Kirchengeschichte“, die insbesondere als Mystikerin für uns heute eine große Meisterin sei. Sie sei wirklich vom Geist Gottes erfüllt gewesen und habe mit allen Sinnen die Präsenz Gottes wahrgenommen.

Vom Evangelium durchdrungen sein

Gott sei in dieser Welt präsent, in unserer Zeit, in den Mitmenschen und in dem, was geschehe, betonte Hollerich. Die Interpretation der Welt gehe aber heute nicht mehr von Gott aus, erklärte er, sie sei sehr säkularisiert und es gelte als Postulat, die Welt mit dem Verstand zu durchdringen. Das aber ist in seinen Augen kein Widerspruch, das habe Hildegard auch gemacht. Er sei überzeugt, dass das Gebet auch den Verstand schärfe, eine Dimension des Verstandes freilege, „die wir haben verkümmern lassen.“ Das digitale Zeitalter stehe noch ganz am Anfang, sagte er und sprach in diesem Zusammenhang von einer Zeitenwende. Um das Evangelium Jesu Christi in diese neue Zeit hineinzubringen, sei es nötig, wie die heilige Hildegard davon durchdrungen zu sein. Dazu gehöre neben dem Studium der Texte, neben Theologie und Philosophie der Glaubensvollzug im Gebet.

Die Welt sucht nach Sinn und Freude

Beten heiße, sich Zeit nehmen für Gott und zu erkennen, dass alles einen Bezug zu ihm habe und sei es noch so banal, sagte der Kardinal und forderte die Gläubigen auf, sich jeden Tag Momente der  Ruhe zu verschaffen, um zu spüren: „Ich lebe, Gott ist mit mir.“ Auch wenn eine mystische Erfahrung den meisten Menschen verwehrt bleibe, spüre jeder Christ, wenn er wirklich bete, die Präsenz Gottes. Um diese Erfahrung bereichert, „können wir leben, unseren Verstand benutzen, uns einbringen für die Umwelt, die Rechte der Frauen zum Beispiel, für so vieles, was unser Engagement braucht als Christen.“ Wenn die Freude Gottes im eigenen Herzen brenne, „werden wir, ohne dass wir das groß verkünden müssen, zu Missionarinnen und Missionaren.“ Das merkten die Leute, betonte er. Die Welt suche nach Sinn, nach Glück, nach Freude. „Das einzige, was gehört werden wird, was wirken wird, ist Ihr einfaches Zeugnis, als Christinnen und Christen zu leben“, lautete der eindringliche Appell des Kardinals an seine Zuhörer: „Das wird das Eis brechen, das wird die Kirche in die Zukunft führen.“

In Präsenz unter Coronabedingungen

Pfarrer Marcus Fischer dankte zum Ende des Gottesdienstes dem prominenten Gast aus Luxemburg für die ermutigenden Worte und den  Rheingauern und Rheingauerinnen dafür, dass sie an diesem Festtag, aber auch das ganze Jahr über die Verehrung der heiligen Hildegard pflegten und für den Wallfahrtsort da seien. Fischer gehörte wie Pfarrer Michael Pauly und der Wiesbadener Stadtdekan Klaus Nebel zu den Konzelebranten des Gottesdienstes.

Mit coronabedingten Einschränkungen konnte das traditionelle Fest in diesem Jahr wieder in Präsenz gefeiert werden. Die Teilnehmerzahl war auf 500 angemeldete Teilnehmer begrenzt. Der Gottesdienst war auch als Livestream auf der Homepage mitzuverfolgen. Bei der traditionellen Prozession im Anschluss an die Reliquienfeier mit einem Impuls von Schwester Hiltrud Gutjahr OSB konnte in diesem Jahr nur eine kleine Gruppe dem Schrein folgen. Die Gemeinde blieb währenddessen zum Gebet auf dem Hof.

Hollerich ist Generalrelator

Der Luxemburger Kardinal Hollerich ist jüngst von Papst Franziskus zum Generalrelator, das heißt zum Berichterstatter der kommenden Bischofssynode ernannt worden. Damit wird Hollerich, der auch den EU-Bischofsverband Comece leitet, beim weltweiten synodalen Prozess eine Schlüsselrolle spielen. Der 62-jährige Luxemburger spricht gut Deutsch und verfolgt, wie es heißt, auch den Synodalen Prozess der katholischen Kirche in Deutschland mit großem Interesse.

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