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Chancen für Zivilgesellschaft nutzen

Diskussionsrunden und Preisverleihung beim 2. Stiftungstag der Caritasstiftung
Chancen für Zivilgesellschaft nutzen
Chancen für Zivilgesellschaft nutzen
Ex-Fußball-Profi Roman Weidenfeller (l.) sprach bei Stiftungstag über soziales Engagement. © Copyright: Manuela Jger-Mller

Vordenker, Impulsgeber, Rettungsanker – Stiftungen übernehmen vielfältige Rollen und tragen dabei große Verantwortung. Das machten beim 2. Stiftungstag der Caritasstiftung in der Diözese Limburg Experten aus Politik, Gesellschaft und Wirtschaft in angeregten Talkrunden deutlich. Als weiteres Highlight zeigte die Verleihung des Stiftungspreises, welche vielversprechenden Lösungsansätze aus regionalem Engagement entstehen können. 

„Stiftungen übernehmen weltweit tagtäglich viele wichtige Aufgaben, die dem Großteil der Menschen überhaupt nicht bewusst sind“, erklärte Sonja Peichl, Geschäftsführerin der Caritasstiftung in der Diözese Limburg. „Zunehmend sind es Stiftungen, die ein mehr an Solidarität in unserer Gesellschaft ermöglichen und für die Würde des Menschen in Demokratie, Vielfalt und Freiheit stehen“, ergänzte Jörg Klärner, Diözesancaritasdirektor und Vorstandsmitglied der Caritasstiftung. 

In einer Videobotschaft ging auch Bischof Dr. Georg Bätzing auf die Bedeutung des Stiftens ein: „Stiften heißt nicht Schenken, Stiften heißt Säen.“ „Hinter Stiftungen steht ein dynamischer Prozess, der auf Wachstum angelegt ist und darauf, dass Menschen mit den Anliegen der Stifter in Berührung kommen.“

Moderator Frank Lehmann sprach mit den Podiumsteilnehmern unter anderem über die Notwendigkeit eines Umdenkens innerhalb der Stiftungen. Felix Oldenburg, Generalsekretär des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen und Dr. h. c. Beate Heraeus, Vorstandsvorsitzende der Heraeus Bildungsstiftung, plädierten dafür, dass sich mehr Stiftungen zusammenschließen, um gebündelt ihre Ziele zu verfolgen und größere Wirkung zu erzielen. Die Herausforderungen in Zeiten von Niedrigzins und Digitalisierung sollten als Chancen verstanden werden, meint Dr. Rupert Graf Strachwitz, Direktor des Maecenata Instituts für Philanthropie und Zivilgesellschaft, denn: „Jetzt müssen die Stiftungen sich anstrengen. Sie müssen überlegen, was sie einbringen. Das verlangt die Gesellschaft.“ „Solche gesellschaftlichen und politischen Prozesse kosten jedoch Zeit“, gab Minister für Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur des Landes Rheinland-Pfalz, Prof. Dr. Konrad Wolf, zu bedenken. Das sei ein Vorteil der Politik als Organisationsform, denn so werden die getroffenen Entscheidungen nachhaltig und stabilisierend.

In einer weiteren Talkrunde sprachen der Glücksforscher Prof. Dr. Karlheinz Ruckriegel und Roman Weidenfeller darüber, dass ehrenamtliches Engagement das Leben bereichert. Der Fußball-Weltmeister setzt sich als Botschafter der Stiftung roterkeil.net gegen Kinderprostitution ein, um missbrauchten Kindern eine Stimme zu geben. „Ich habe das Glück gehabt, in einem behüteten Elternhaus aufzuwachsen, hatte alle Möglichkeiten und Freiheiten. Nun möchte ich etwas von diesem Glück zurückgeben.“ Nach den Regeln der Glücksforschung macht ihn dieses Ehrenamt zu einem zufriedeneren Menschen. Prof. Ruckriegel: „Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren, weisen bessere Zufriedenheitswerte auf.“

In der dritten Diskussionsrunde fragte Moderator Lehmann, wie Stiftungen, Politik und Wohlfahrt im Hinblick auf den demografischen Wandel besser an einem Strang ziehen können. Darauf antwortete Andreas Esche von der BertelsmannStiftung, dass die Auswirkungen der Alterung unser jetziges System in Zukunft überfordern würden. „Es gibt jedoch kein Ministerium für Demografie, das wäre zu komplex.“ Eine gemeinsame Strategie, wie sie sein Bereich der „Megatrends“ ins Auge fasst, stelle eine echte Herausforderung dar. Die ehemalige Bundesfamilienministerin Prof. Dr. Ursula Lehr verwies auf konkrete Probleme, die oft übergangen werden. Beispielsweise auf die steigende Zahl der Ein-Personen-Haushalte bei über 80-Jährigen oder die oft vorherrschende räumliche Distanz zwischen den verschiedenen Generationen einer Familie. Horst Krumbach hat mit seinem Projekt Generationsbrücke Deutschland einen wichtigen Ansatz für eine Annäherung von Jung und Alt geschaffen: Als erstes generationenverbindendes Sozialunternehmen Deutschlands initiieren sie regelmäßige langfristige und gut vorbereitete Begegnungen zwischen alten pflegebedürftigen und jungen Menschen. Dank der Förderung von Stiftungen feiert dieser Ansatz, der bereits an 238 Orten zum Einsatz kommt, bundesweit und international Erfolge. 

© Copyright: Manuela Jger-MllerDas Podium war hochkarätig besetzt.

Stiftungspreis: Förderung für drei Generationenprojekte

Wie lassen sich die Folgen des demografischen Wandels durch soziales Engagement auffangen? Das war auch das zentrale Thema des Stiftungspreises für Soziales „Gemeinsam Zukunft gestalten“, der an diesem Abend erstmalig vergeben wurde. „Es erreichten uns 15 bunt gemischte Ideen zum Thema Jung und Alt gemeinsam“, so Sonja Peichl von der Caritasstiftung. Überzeugen konnten drei Generationenprojekte aus dem Bistum Limburg, die die Stiftung mit insgesamt 10.000 Euro Preisgeld fördert. Bei der Entscheidung hat die Jury besonders auf Übertragbarkeit, Nutzen und Fortführungsperspektive geachtet. 

Bevor die geladenen Gäste und interessierten Stifter beim anschließenden Empfang des 2. Stiftungstages über die zahlreichen Impulse weiterdiskutierten, sorgte der Mentalmagier Nicolai Friedrich mit seiner verblüffenden Show für gute Stimmung.

Die Preisträgerinnen und Preisträger des Stiftungspreises für Soziales 2019:

1. Platz: Soziales Schulhalbjahr im Hochtaunus, 4.000 Euro
30 Schüler treffen sich mit 30 Senioren über sechs Monate lang an etwa 20 Terminen im häuslichen Umfeld oder in einer Wohnanlage in Steinbach: Insgesamt entstehen während eines Sozialen Schulhalbjahres also 600 Kontakte zwischen Alt und Jung. Jeweils ein Jugendlicher und ein älterer Mensch können in dieser Zeit eine feste Beziehung zueinander aufbauen, voneinander lernen und neue Impulse für ihr Leben erhalten. Die Schüler lernen darüber hinaus den Alltag in den Pflegeberufen kennen und trainieren ihre sozialen Kompetenzen. Das Soziale Schulhalbjahr ist ab 2020 verpflichtender Bestandteil des Unterrichts an der Phormsschule in Steinbach und soll später durch die youngcaritas fortgeführt werden. Mit Unterstützung weiterer Kooperationspartner hat das Quartiersmanagement des Caritasverbandes Hochtaunus dieses besonders nachhaltige Projekt ins Leben gerufen, das durch die Förderung mit dem Stiftungspreis für Soziales demnächst auch an anderen Orten Schule machen könnte. 

2. Platz: Drei Generationen verzahnen sich im Abenteuer Glaube – Kirche im Grünen, Frankfurt, 4.000 Euro
Wie funktioniert ein Smartphone? Wer kann noch häkeln? Diese Fragen sollen künftig geklärt werden, wenn drei Generationen in der „Kirche im Grünen“ zusammentreffen. Das Innovationsprojekt der katholischen Pfarrei St. Margareta Frankfurt hat ca. 3.000 m² eines Gärtnereigeländes in Höchst zu einem Freiluftfamilienzentrum umgestaltet. Ein besonderer Ort für offene und vielfältige Begegnungen unterschiedlicher Gruppen ist entstanden. Nun wird die Durchführung von Generationenprojekten in Angriff genommen. Durch die Förderung mit dem Stiftungspreis für Soziales sollen notwendige Anschaffungen finanziert werden, um das Angebot auszubauen. Dann können sich bald drei Generationen treffen, um sich beispielsweise bei Sommerfesten, Pflanzenpartnerschaften, Back- und Kochkursen besser kennenzulernen – oder wenn es heißt „Handarbeit meets digitale Medien“ und „Kalligraphie gegen Powerpoint“. 

3. Platz: Nachbarschaftsbänkchen im Main-Taunus-Kreis, 2.000 Euro
Vor Renate Brands Gartentor in Kriftel steht das „Nachbarschaftsbänkchen“. Sie und eine weitere Nachbarin laden aus Eigeninitiative die Nachbarschaft aktiv ein, auf dieser Bank Platz zu nehmen und miteinander ins Gespräch zu kommen. Ob das Handy erklärt oder Werkzeug verliehen wird, ob Rezepte oder Obst aus dem Garten die Runde machen – die Erfahrung zeigt: Von dem Angebot profitieren vor allem Senioren und junge Familien, deren Großeltern weiter entfernt wohnen. Um dem Beziehungsmangel nicht nur in ihrer Gemeinde entgegenzuwirken, will Renate Brand auf einer Veranstaltung weitere Mitstreiter und Standorte für neue Nachbarschaftsbänke finden. Durch das Preisgeldkönnen neue Bänke für den Main-Taunus-Kreis angeschafft werden. Renate Brand gibt damit nicht nur ihre Erfahrungen weiter, sie will auf diesem Weg aktiv generationenübergreifende Angebote etablieren und das Engagement in ihrer Region mobilisieren.

© Manuela Jger-MllerErstmals wurde ein Stiftungspreis ausgelobt. Drei Projekte wurden beim Stiftungstag ausgezeichnet.