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Eine Seele für Europa

Südtiroler Bischof fordert christliches „Bindemitte für das Projekt Europa“
Eine Seele für Europa
Eine Seele für Europa
Bischof Muser im Domgespräch mit Haus am Dom-Direktor Joachim Valentin © D. Wiese-Gutheil/Kath. Stadtkirche Frankfurt

FRANKFURT.- Ohne ein kräftiges Bindemittel hat das Projekt Europa – bei allen wirtschaftlichen und politischen Vorteilen – keine Zukunft. Darauf hat der Bischof von Bozen-Brixen in Südtirol, Ivo Muser, am Samstag, 27. Januar, im Frankfurter Kaiserdom St. Bartholomäus hingewiesen. Am Vorabend des 1204. Todestages von Karl dem Großen, des Vaters Europas, sagte Muser im traditionellen Karlsamt, die Menschen müssten heute wieder, ähnlich wie Karl der Große, nach einer bindenden Klammer, der „Seele Europas“, suchen.

Der europäische Geist verliere derzeit an Kraft, sagte der Bischof, im vollbesetzten Kaiserdom: „Das Wir-Gefühl bröckelt in der Flüchtlingskrise.“ Dabei sei der kühne Gedanke der ersten Christen ein anderer gewesen. Vor zwei Jahrtausenden sei die christliche Identität begründet worden als eine „Identität, die die eigenen Wurzeln kennt und pflegt – im offenen und konstruktiven Dialog mit der Identität der anderen“. Christen seien „Menschen der Hoffnung und der Transzendenz“. Sie sollten an einem gemeinsamen Europa bauen, „wo verschiedene Kulturen sich auf heimatlichem Boden begegnen und gegenseitig bereichern, im respektvollen Dialog mit der Identität der anderen“. Als gläubige Christen sollten sie weder wie innerweltliche Optimisten noch wie egoistische Opportunisten handeln, sondern „Verantwortung übernehmen für ein Europa, das eine Seele braucht.“

Keine Kirchenaustritt und kaum Berufungen

Südtirol ist nach Einschätzung des Bischofs nach wie vor „tief katholisch geprägt“. Etwa 90 Prozent der 530.000 Einwohner Südtirols seien Katholiken. Vom Brenner bis zum Gardasee gebe es gerade einmal 2.000 evangelische Christen. „Und das sind keine einheimischen.“ Allerdings verändere sich auch in seiner Heimat das Gesicht der Kirche gerade radikal. Da es keine Kirchensteuer wie in Deutschland gebe, gebe es auch keine Kirchenaustritte. Aber die Zahl der Gottesdienstbesucher sinke stark. Besonders dramatisch nannte der Bischof die ausbleibenden Berufungen für geistliche Berufe oder das Ordensleben. Er habe deshalb die große Sorge, dass die katholische Kirche nicht mehr imstande sei, kulturell in die Gesellschaft hineinzuwirken.

Dabei braucht es nach Einschätzung Musers die Christen, damit eine gemeinsame Zukunft Europas entstehen könnte. Das „nationalstaatliche denken des 19. Jahrhunderts“ dürfe nicht wieder aufleben: „Europas Reichtum ist die Vielgestaltigkeit in Sprache, Musik, Kunst und seit der Reformation auch im Blick auf die Religionen.“

Ivo Muser (55) studierte Philosophie und katholische Theologie an der Universität Innsbruck. 1987 empfing er in Brixen die Priesterweihe. Muser war Professor an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Brixen und Regens des dortigen Priesterseminars. 2011 wurde er zum Bischof der Diözese Bozen-Brixen ernannt.

Karlssequenz und Kaiserlaudes

um Todestag Karls des Großen erinnert die katholische Stadtkirche Frankfurt alljährlich mit dem Karlsamt an den Gründervater Europas, der auch Patron der Stadt und des Kaiserdoms ist. In dem farbenprächtigen Gottesdienst erklingen mittelalterliche lateinische Gesänge wie die Karlssequenz, ein Lobgesang auf Kaiser und Stadt, und die Kaiserlaudes, in der Huldigungsrufe an Christus mit Bittrufen für Kirche, Papst, Bischof, das deutsche Volk und alle Regierenden verbunden werden. Einen vergleichbaren Gottesdienst gibt es außer in Frankfurt nur in der Karlsstadt Aachen.