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Flexibler und vernetzter jungen Obdachlosen helfen

Caritas-Referentin Jessica Magnus erläutert im Interview die Not der "care leaver"
Flexibler und vernetzter jungen Obdachlosen helfen
Flexibler und vernetzter jungen Obdachlosen helfen
Jessica Magnus ist Referentin für Soziale Sicherung beim Caritasverband für die Diözese Limburg. © Caritasverband Diözese Limburg

In diesem Jahr liegt beim Tag der Wohnungslosen der Fokus auf jungen Wohnungslosen. Sie machen ein Fünftel aller Betroffenen in Deutschland aus. Das sind etwa 37.000 Menschen. Warum viele junge Wohnungslose durchs Raster fallen, was es an Hilfestellungen braucht und warum die Zahl sicher noch höher ist als letzte Schätzungen besagen, erklärt Jessica Magnus, Referentin für Soziale Sicherung im Caritasverband für die Diözese Limburg, im Interview.

Frau Magnus, warum wird jemand obdachlos – und warum gibt es auch viele junge Obdachlose?

Magnus: Die Gründe für Obdachlosigkeit sind nach wie vor vielfältig: Mietschulden, Arbeitslosigkeit, Krankheit, Scheidungen, Tod von Bezugspersonen oder Überschuldung. Die Aufzählung kann fast endlos weitergeführt werden und ein Anfang der Spirale ist nur in den seltensten Fällen zu identifizieren. Doch so vielfältig wie die Gründe für Obdachlosigkeit sind, so vielfältig sind auch die Menschen, die davon betroffen sind. Ich habe einen Rentner kennengelernt, der durch hirnorganischen Veränderungen aufgrund eines Schlaganfalls nicht mehr in der Lage war, einfachste soziale Umgangsformen zu pflegen und so irgendwann seine Wohnung verloren hat. Beeindruckt hat mich auch die Geschichte des Beamten, der sich aus dem Staatsdienst verabschiedet hat um „auszusteigen“, seine Wohnung der Ehefrau überließ und auf Wanderschaft ging. Die Alkoholsucht kam schleichend, die Ersparnisse waren schneller als geplant aufgebraucht. Als er gemerkt hatte, dass sich das freiwillige Vagabundenleben zur Obdachlosigkeit entwickelt hat, er also keine Selbstwirksamkeit bezüglich der eigenen Lebensgestaltung mehr verspürte, resignierte er.

Besonders schlimm ist es bei jungen Erwachsenen, also 18-Jährigen, deren Jugendhilfemaßnahme endet und die dann die stationäre Einrichtung verlassen müssen. Sogenannte „Care Leaver“. Oft ist es theoretisch möglich, hier noch weitere Hilfen zu installieren, denn Jugendhilfe soll per Gesetz auch über den 18. Geburtstag hinaus gewährt werden. Aber manche möchten sich vielleicht auch keinen strikten Regelungen mehr unterwerfen und werden hier ganz oft nicht auf eine Art und Weise angesprochen, die sie dazu motiviert, die sogenannten „Hilfen für junge Volljährige“ zu beantragen. Wenn sie sie beantragen, führt oft Fehlverhalten oder fehlende Mitwirkung in der Vergangenheit zur Ablehnung weiterer Hilfen durch das Jugendamt.

Das heißt, hier bräuchte es neue Wege, junge Menschen besser zu erreichen? Ist das System hier zu unflexibel?

Magnus: Teilweise ja - es braucht lebensnahe Konzepte und Möglichkeiten, die jungen Menschen einerseits in ihrem Autonomiebestreben zu unterstützen und andererseits einen sicheren Hafen zum Bleiben und Ausprobieren zu bieten, wie sie junge Erwachsene, die bei ihren Eltern wohnen, ja auch haben. Wir kennen das vermutlich alle: Der 18. Geburtstag ist eine „magische Grenze“, deren Überschreitung sehnsüchtig erwartet wird und mit einigen Freiheiten einhergeht, mit denen man erstmal lernen muss umzugehen. Geht was schief, gibt es in der Regel einen familiären Background.

Die Personen, von denen ich hier spreche, erleben plötzlich eine Chance, sich dem System zu entziehen, eigenverantwortlich zu leben, aber es ist eben nicht vorgesehen, dass sie auch mal Fehlentscheidungen treffen und dennoch aufgefangen werden. Das „System Jobcenter“, das auf die Jugendhilfe folgt, hat keinen erzieherischen Auftrag mehr, sondern arbeitet nach dem Prinzip „Fördern und Fordern“, was gerade für sehr junge Menschen in Übergangssituationen, wo sie auch besonders vulnerabel sind, überfordernd sein kann.

Was schlagen Sie hier vor – das beträfe ja vor allem die kommunaler Ebene, oder?

Magnus: Ja, das Hilfesystem auf kommunaler Ebene muss durchlässiger, flexibler und vernetzter werden. Ein, wie ich finde, wunderbarer Ansatz für diese Zielgruppe der jungen Volljährigen ist es, ihnen mit Beendigung der Jugendhilfe bei Bedarf eine kleine Wohnung zur Verfügung zu stellen und dieses selbstständige Wohnen sozialarbeiterisch zu begleiten. Hier könnten die Landkreise und Städte ganz konkret ansetzen, indem sie entweder selbst Wohnungen vorhalten und auf diese Weise garantieren, dass kein junger Mensch aus der Jugendhilfe auf die Straße geht – auch, wenn er seinen Mitwirkungspflichten vielleicht nicht so wie erwartet nachkommen kann. Oder sie können gezielt Träger fördern, die Wohnungen vermitteln und wohnraumbegleitende Hilfen anbieten. Das ist nichts, was auf die einzelnen Kommunen geschoben werden darf, sondern bedarf einer Steuerung durch den Jugendhilfeträger.

Die Mitarbeitenden in den Behörden – und damit spreche ich nicht alle an- müssen wegkommen von einer moralischen Bewertung des Verhaltens von jungen Menschen, die es in vielerlei Hinsicht sowieso schon schwerer als der Durchschnitt haben hin zu einem einfühlenden Verständnis für die unterschiedlichen Lebenslagen. Nur so wird es gelingen, individuelle, kreative und passende Hilfsmöglichkeiten zu generieren.

Weiter braucht es natürlich auch Angebote wie Notschlafstellen speziell für junge Menschen bis höchstens 27 Jahren, die sozialpädagogisch begleitet werden, um zu verhindern, dass sich bei diesen Personen, die aus welchen Gründen auch immer auf der Straße landen, der Zustand „Obdachlosigkeit“ manifestiert. Hier ist schnelles Handeln gefragt. Ich habe selbst erlebt, wie schnell die jungen Frauen und Männer in die Szene integriert sind, wenn sie in normalen Obdachlosenunterkünften untergebracht werden und dies ist auch für Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter oft nur schwer auszuhalten.

Wie viele Betroffene gibt es und wie werden die Zahlen, die ja doch sehr hoch sind, ermittelt?

Magnus: Das ist natürlich immer schwer zu sagen, eine Bundesstatistik gibt es ja derzeit noch nicht. Die BAG W (Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe) hat gerade ihren Statistikbericht für 2019 veröffentlicht. Hier wurden bundesweit 223 Einrichtungen befragt und insgesamt über 45.000 Klient*innendaten statistisch erfasst. 16,8% davon sind unter 25 Jahren. Rechnet man dies nun auf die geschätzte Gesamtzahl von 237.000 hoch, kommt man auf beinahe 40.000 Personen – ohne die Geflüchteten. Das DJI (Deutsches Jugend Institut) hat in einer Studie eine ähnliche Zahl ermittelt: Demnach waren im Jahr 2017 37.000 Menschen unter 27 Jahren ohne festen Wohnsitz, das heißt, sie leben auf der Straße - sind also obdachlos -  oder sind bei Freunden oder in Notunterkünften untergekommen. Lediglich 14% der über 18-Jährigen hatten noch Kontakt zum Jugendamt, bei den unter 18-Jährigen immerhin noch 64%. Das zeigt, was ich oben schon gesagt habe: ein erheblicher Anteil an jungen Volljährigen wird plötzlich für die Jugendhilfe unsichtbar, lediglich aufgrund eins Datums.

Allerdings sind diese Zahlen Hochrechnungen auf Basis einer Stichprobe und zum anderen bereits drei Jahre alt. Meiner Einschätzung nach – auch mit Blick auf die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge, die mit 18 Jahren zunehmend die Einrichtungen der Wohnungsnotfallhilfe in Anspruch nehmen oder ebenfalls ohne eigenen Rechtsanspruch bei Bekannten und Freunden unterkommen, dürfte diese Zahl mittlerweile angestiegen sein.

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