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Glaubenswelt des Mittelalters: Spektakulär trifft unscheinbar

„Schätze aus dem Schutt“ präsentiert Unbekanntes aus 800 Jahren St. Leonhard
Glaubenswelt des Mittelalters: Spektakulär trifft unscheinbar
Glaubenswelt des Mittelalters: Spektakulär trifft unscheinbar
Aus 63 Teilen zusammengeklebt: Mittelrheinische Gotik im Dommuseum © D. Wiese-Gutheil/Kath. Stadtkirche Frankfurt

Mit einem Nudelholz wie aus der Puppenstube wird ein Tonquadrat ausgerollt, über den Kopf einer Tonfigur gestülpt und ein bisschen zurechtgezupft: fertig ist der Schleier der weinenden Maria am Grab Jesu. So ähnlich muss es vor 600 Jahren zugegangen sein, als ein unbekannter Meister, wohl irgendwo in einer mittelrheinischen Werkstätte, eine tönerne Figurengruppe anfertigte, die aus drei Frauen und einem Mann bestand. Irgendwann gefiel der gotische Stil nicht mehr. Oder die Wirren der Zeit wurden der kleinen Beweinungsgruppe zum Verhängnis. Jedenfalls landete sie zu Beginn des 19. Jahrhunderts im Schutt, mit dem das Fußbodenniveau in der Kirche St. Leonhard am Frankfurter Mainufer angehoben wurde.

63 verdreckte Bruchstücke wurden in den vergangenen Jahren bei der umfangreichen Restaurierung von St. Leonhard gefunden, gereinigt, restauriert, zusammengeklebt, gekittet und retuschiert und  Stück für Stück wiederaufgebaut. Lediglich der Kopf des Johannes war nicht mehr auffindbar. Die anmutige Figurengruppe repräsentiert in ihrer zarten Farbigkeit und der Eleganz des Faltenwurfs den „Schönen Stil“ der mittelrheinischen Gotik zwischen 1415 und 1440. Sie ist eines der bezaubernden Kunstwerke, die die neue Ausstellung des Frankfurter Dommuseums vom 16. August bis zum 19. Januar kennzeichnet.

© D. Wiese-Gutheil/Kath. Stadtkirche Mit Pinsel und Nudelholz

Schenkungsurkunde von 1219

© D. Wiese-Gutheil/Kath. Stadtkirche Der Atzmann aus dem Schutt

„Schätze aus dem Schutt – 800 Jahre St. Leonhard“ ist bezeichnenderweise der Titel dieser außergewöhnlichen Schau. Präsentiert werden Exponate, die vor zehn Jahren, als die Restaurierung von St. Leonhard ihren Anfang nahm, noch gänzlich unbekannt waren, unsichtbar, verborgen in den diversen Schichten von Erde, Stein- und Tonresten unter der ältesten Frankfurter Innenstadtkirche. Zum 800. Geburtstag und pünktlich zur Wiedereröffnung der Kirche nach neunjähriger Schließung aufgrund der umfassenden Sanierung sind sie zurück in der sichtbaren Kulturgeschichte der Stadt.

Dabei gibt es keineswegs nur die spektakulären Objekte wie die Beweinungsgruppe, den Atzmann oder Fundstücke des Heiliggrabaltars. Auch auf den ersten Blick unscheinbare Objekte sind ans Tageslicht geholt worden, die viel über die Glaubenswelt im Mittelalter und in der frühen Neuzeit aussagen: Teile eines Rosenkranzes, Herzmuscheln, vielleicht von Pilgern auf dem Jakobsweg, Hufeisen, Krüge oder Münzen.

Dazu gilt es – zumindest in den ersten sechs Wochen der Ausstellung – eine wichtige Frankfurter Urkunde zu bewundern: Die für die Stadtgeschichte höchst bedeutsame Schenkungsurkunde vom 15. August 1219 dokumentiert, dass Kaiser Friedrich II. den Bürgern Frankfurts ein Grundstück aus königlichem Besitz zum Bau einer Kapelle übergab. Zum ersten Mal wird hier die Bürgerschaft Frankfurts (universorum civium de Frankinfort) genannt. Aus konservatorischen Gründen muss dieses wertvolle Pergament anschließend zurück in das Depot des Instituts für Stadtgeschichte. Ein Faksimile wird es bis zum Ausstellungsende im Januar ersetzen.  

Blick hinter die Kulissen

Die Ausstellung verfolgt zwei Ziele, wie Museumsdirektorin Bettina Schmitt hervorhebt: Zum einen wird die Geschichte dieser bedeutenden Kirche, die eines der bedeutendsten Kulturdenkmäler der Stadt Frankfurt darstellt, wieder zum Sprechen gebracht. Zum anderen erlaubt die Schau einen Blick hinter die Kulissen und zeigt Methoden und Erkenntnisse der oft im Verborgenen tätigen Denkmalpflege, Archäologie und Restaurierungswissenschaft: Die akribische Spurensuche lässt die mittelalterliche Kirche wieder lebendig werden.

Die Sonderausstellung „Schätze aus dem Schutt – 800 Jahre St. Leonhard“ wird vom 16. August bis zum 19. Januar im Dommuseum und im benachbarten Sakristeum (Haus am Dom, Domplatz 3) gezeigt. Der Eintritt beträgt fünf Euro, ermäßigt drei Euro. Ein Ausstellungskatalog erscheint im Verlag Schnell + Steiner und ist im Museum für 19,95 Euro, im Buchhandel für 29,95 Euro erhältlich.

Öffnungszeiten der Ausstellung Di/Do/fr 10 bis 17 Uhr, Mi 10-19 Uhr, Sa/so und Feiertage 11 -17 Uhr.

Über das umfangreiche Rahmenprogramm informiert die Seite www.dommuseum-frankfurt.de

 

 

 

© D. Wiese-Gutheil/Kath. Stadtkirche Ton, Steine, Scherben
© D. Wiese-Gutheil/Kath. Stadtkirche Ton, Steine, Scherben
© D. Wiese-Gutheil/Kath. Stadtkirche Die gotische Beweinungsgruppe, frisch geklebt
© D. Wiese-Gutheil/Kath. Stadtkirche Spannende Einblicke für Kunstinteressierte
© D. Wiese-Gutheil/Kath. Stadtkirche Der rekonstruierte Heiliggrabaltar
© D. Wiese-Gutheil/Kath. Stadtkirche Tore und Bögen
© D. Wiese-Gutheil/Kath. Stadtkirche Harmonie der Formen
© D. Wiese-Gutheil/Kath. Stadtkirche Schätze aus dem Schutt

Pontifikalamt zur Wiedereröffnung

Mit einem Pontifikalamt und einer Altarweihe wird die Kirche St. Leonhard am Sonntag, 18. August, 15 Uhr, nach achtjähriger Restaurierung feierlich wiedereröffnet. 

Die regulären Sonntagsgottesdienste werden wieder ab September in St. Leonhard gefeiert: sonntags um 11.30 Uhr gibt es ab 8. September eine Heilige Messe des Kirchorts St. Leonhard. Die Internationale Englischsprachige Gemeinde lädt ab 14. September jeweils samstags um 18 Uhr zu einer Messe in englischer Sprache, vorwiegend für internationale Besucher der Stadt, nach St.  Leonhard ein. Die Französischsprachige katholische Gemeinde feiert ab 15. September in St. Leonhard zweimal monatlich sonntags um 18 Uhr Gottesdienst.

Rund 11,5 Millionen Euro hat das ehrgeizige Projekt der Restaurierung die Stadt Frankfurt als Eigentümerin der Kirche gekostet. Dafür wurden archäologische Grabungsarbeiten, ein neuer Sandsteinfußboden und Holzböden verlegt, die Farbfassung des frühen 16. Jahrhunderts in einem hellen „Englischrot“ wiederhergestellt, sämtliche Altäre und Ausstattungsgegenstände ausgebaut und restauriert, die mittelalterlichen Glasfenster im Chor erneuert und wertvolle Grabplatten aufgefrischt.

Aber auch die moderne Ausstattung der Kirche hatte ihren Preis: Fußbodenheizung und Belüftungsanlage, neue Elektroninstallationen, neue Leuchten mussten eingebaut werden, um die 800 Jahre alte Kirche für das 21. Jahrhundert zu ertüchtigen.