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Kirche neu auf die Landkarte bringen

Die erste Exkursion des Bistums ging vom 14. bis 17. März nach Süddeutschland. Dr. Hildegard Wustmans, Dezernentin für Pastorale Dienste, im Interview
Kirche neu auf die Landkarte bringen
Kirche neu auf die Landkarte bringen
Die Gruppe besuchte auch eine Celebration der ICF in München. © H.Wustmans/Bistum Limburg
© B. KlaczakDr. Hildegard Wustmans ist Leiterin des Dezernates Pastorale Dienste des Bistums Limburg. Die Theologin lehrte von 2009 bis 2017 als Professorin für Pastoraltheologie in Linz. Zuvor war sie im Bistum Limburg unter anderem von 2006 bis 2009 Dezernentin für Kinder, Jugend und Familie.

Frau Dr. Wustmans, Sie haben vom 14. bis 17. März an der ersten Exkursion des Bistums Limburg nach Süddeutschland teilgenommen. Was hat Sie bei der Exkursion besonders angesprochen?

Besonders waren Menschen, die sich klar positioniert haben, die sehr deutlich gemacht haben, warum sie das so tun, was sie tun. Das waren Jugendliche und junge Erwachsene bei der ICF (International Christian Fellowship, a.d.R.), einer evangelikalen Church. Das waren aber auch ein pastoraler Mitarbeiter und ein Dekan in Giesing. Mir ist deutlich geworden: Da wo Profil und Vision ist, gibt es Reibungsflächen und positive wie kritische Anfragen und somit Auseinandersetzung.

Ist Vision eine Grundvoraussetzung für Veränderung und Entwicklung?

Ich glaube schon. Wenn das Ziel nicht klar ist, verliert man sich im Klein-Klein oder in der Routine. Eine Vision zu haben, sie vermitteln zu können und dafür Zeichen zu entwickeln, macht andere aufmerksam, lässt sie hören und kommen. Das haben wir zum Beispiel im Gebetshaus in Augsburg erlebt: Dort setzen sie auf eine Komm-Struktur und es funktioniert, weil sie so profiliert sind.

zu der Exkursion

Vom 14. bis 17. März reiste eine Gruppe aus dem Bistum Limburg nach Süddeutschland ins Bistum Augsburg und das Erzbistum München Freising. Die Exkursion war die erste von insgesamt sechs, die das Bistum Limburg als Entdeckungs- und Erfahrungsreise zum Prozess der Kirchenentwicklung 2019 durchführt. Am Donnerstag, 14. März, reiste das Team aus ehren- und hauptamtlichen Teilnehmern nach Augsburg und besuchten das Gebetshaus Augsburg. Am Freitag, 15. März, ging es weiter nach München. Dort besuchten die Teilnehmer das Gemeindezentrum St. Markus, wo Kirche in einem neuen Stadtteil mit bis zu 25.000 Menschen entstehen soll. Die Besucher aus dem Bistum Limburg informierten sich auch über das sozialräumliche Arbeiten in München-Giesing. Nach dem Besuch im Pfarrverband Isarvorstadt am Samstag, 16. März, erlebten die Limburger am Sonntag, 17. März, auch eine Celebration der freikirchlichen ICF Church.

Haben Sie bei den Projekten entdecken können, wie man zu einer solchen Vision kommen kann?

Das Basis-Handbuch für unsere Vision ist das Neue Testament oder die Bibel. Zur Schärfung der eigenen Vision tut es gut, sich gemeinsam immer wieder darauf zu beziehen und all das auch in einer Form von Gebet, von Mystik und Spiritualität auszudrücken. Das haben wir gerade beim ICF und dem Gebetshaus deutlich gesehen. Bei den anderen Projekten habe ich das nicht so deutlich wahrgenommen. Doch auch in Giesing und der Isarvorstadt wurde betont, dass die Dinge funktionieren, wenn Formen entwickelt werden, die auf die spirituelle Sehnsucht von Menschen achtsam reagieren. Sie nutzen dazu Formate, die wir auch im Bistum kennen, wie beispielsweise den Segen. Warum segnen wir nicht öfter und laden zu Segnungen ein?! Wir machen das schon beim Fest der Unschuldigen Kinder, bei den Ehejubiläen oder am Valentinstag. Wo sind weitere Gelegenheiten und wie kann das noch stärker in Liturgien eingebunden werden?! Es lohnt sich, daran zu arbeiten. Es gilt, auf das spirituelle Bedürfnis von Menschen qualitativ und theologisch fundiert in einer Sprache, die Menschen verstehen, zu antworten. Dann hat Kirche Zukunft.

Wenn man auf den Prozess der Kirchenentwicklung blickt, bekommt man bisweilen den Eindruck, Spiritualität und Mystik spielten kein Thema. Da ist von einer sozialraumorientierten Pastoral die Rede und von niederschwelligen Angeboten. Wie passt das zusammen?

Niederschwellig ist überhaupt nicht mein ,Wording‘. Niemand möchte niederschwellig behandelt werden. Menschen wollen ernstgenommen werden. Das bedeutet: Hinhören und die Bedürfnisse von Menschen wahrnehmen. Das sozialräumliche Arbeiten passt hier gut. Dann muss aber auch die Vision ins Spiel kommen. Wen möchte ich damit ansprechen? Je klarer das ist, desto eher weiß ich, mit welchen Formen und Formaten ich diese Personen ansprechen kann.

Das Basis-Handbuch für unsere Vision ist das Neue Testament oder die Bibel.

Dazu sollten wir zum Beispiel die gesamte Bandbreite liturgischer Formen auszunutzen. Es gibt viel mehr als die Eucharistie. Im Gebetshaus in Augsburg haben wir das gesehen: Dort steht nicht die Eucharistie, sondern das Gebet im Mittelpunkt: 24 Stunden am Tag. Das ICF hat mit der Celebration eine Form entwickelt, die viel Raum für Lieder, für freies Gebet und eine starke Wortverkündigung hat. Auch die katholische Kirche hat da einen Schatz. Ich möchte es so formulieren: Lasst uns diesen Schatz heben.

Wie stellen sich die besuchten Projekte dar und wie unterscheidet sich das von der Erfahrung, die man in katholischen Pfarreien machen kann?

Sie unterscheiden sich dadurch, dass wir an diesen Orten Menschen getroffen haben, von denen wir uns wünschen, dass sie zu uns kämen: Junge Erwachsene. Sie unterscheiden sich durch eine durchdachte Ästhetik. Im Gebetshaus sind die Räume schön und der Kaffee gut. Im ICF war die Celebration in einer solchen Hochprofessionalität gestaltet, die aber nicht kühl war, weil man bei den Menschen gespürt hat, dass sie wirklich an das glauben, was sie sagen. Das sind Menschen, die für die Sache brennen. Das waren Menschen, bei denen ich gedacht habe: „Du bist echt.“ Eine andere Sache ist, dass dort Gemeinschaftsbildung stattfindet, ohne dass die Gemeinschaft abgeschlossen wirkt. In katholischen Pfarreien gibt es auch viel Gemeinschaft. Das ist gut. Aber bisweilen wirken die Gemeinschaften bei uns wie abgeschlossene Freundeskreise. Im ICF gibt es neben den größeren Veranstaltungen kleine Begegnungsräume, die sogenannten small groups. Wenn dort Plätze frei werden, sprechen Mitglieder andere proaktiv an. Und die Church hat sich bewusst dafür entschieden, die Heterogenität dieser small groups zu fördern und zu unterstützen.

Wir haben die Freundlichkeit auch selbst erlebt. Wir sind angekommen und willkommen geheißen worden. Man hat sich im guten Sinn um uns gekümmert. Am Beginn des Gottesdienstes gab es darüber hinaus die Einladung, sich über das Thema Dankbarkeit mit Nachbarn auszutauschen und sich bekannt zu machen. Ich kenne solche Formen auch aus dem amerikanischen katholischen Kontext. Das öffnet bei Fremden Türen.

Sind das auch Modelle für das Bistum Limburg?

An manchen Orten auf jeden Fall. Wir sollten über Willkommenskulturen und den Habitus, der an den Tag gelegt wird, kritisch nachdenken.

Wir haben sehr ausführlich über die ICF und das Gebetshaus in Augsburg gesprochen. Was haben sie von den anderen Stationen mitgenommen?  

Beeindruckend fand ich in der Pfarrei in Giesing die sozialraumorientierte Praxis. Deren Ziel ist es, anlassbezogene Kooperationen im sozialen Raum zu ermöglichen und sich als Kirche als fester Bestandteil im sozialen Raum zu positionieren. In einer Stadt wie München heißt das auch, die eigenen Räume zur Verfügung zu stellen. Das ist in einem Gespräch im Stadtteilladen deutlich geworden. Kirche hat da einen außerordentlichen Schatz. Das sind die Flächen, die sie aber – das ist bei einem Vorabendgottesdienst in der Isarvorstadt deutlich geworden – selber gar nicht mehr füllt und bespielt. Wir sollten darüber nachdenken, wie wir unsere Räume als Ressource auch für andere öffnen können.

© Wustmans/Bistum Limburg. Modern gestaltete Räume im Gebetshaus Augsburg laden zum Verweilen ein.

Wir sollten über Willkommenskulturen und den Habitus, der an den Tag gelegt wird, kritisch nachdenken.

Dazu kann es hilfreich sein, sich zu vergewissern, dass Kirchen historisch gesehen immer drei Funktionen hatten: eine liturgische, diakonische und gemeinschaftliche. Wir sehen heute meist nur noch eine, nämlich die liturgische Funktion. Es entstehen meines Erachtens ganz andere pastorale Bilder und Synergien, wenn es an dem einen oder anderen Ort wieder diese drei Funktionen in einem Gottesdienstraum geben könnte.   

So gesehen wäre Kirchenentwicklung der Versuch, eine einseitige Sichtweise aufzubrechen und Kirche vielfältiger und breiter zu begreifen…

Ja.

Kirchenentwicklung wäre dann weniger auf Innovation ausgelegt, sondern auf das Entdecken von Vergangenem…  

Was in der Tradition Großartiges da ist, kann ja wiederbelebt werden. Aber natürlich sieht es heute anders aus, einen Raum diakonisch zu nutzen, als etwa im Mittelalter. Ich finde es aber sehr anregend, auf dieser Fährte zu gehen. Im Gespräch mit Menschen aus dem Stadtteil in Giesing haben uns Menschen darauf aufmerksam gemacht, das Kirche ein echter Identifikationsmarker ist. Dieser Marker müsse in einer guten Weise eingebracht werden. Geschieht das, legitimiert sich Kirche auch wieder neu. In Giesing gab es aber auch eine große Wertschätzung für die personellen und ehrenamtlichen Ressourcen, die eine Pfarrgemeinde zur Verfügung stellen kann. Menschen entdecken da Kirche noch einmal ganz neu. Ein Stadtentwickler hat uns im Gespräch gesagt, dass es eine tolle Aufgabe sei, Kirche neu auf die Landkarte zu bringen. Das ist ein wunderbares Label für Kirchenentwicklung: Kirche neu auf die Landkarte bringen. Ich glaube: Das geht. Doch es funktioniert nur, wenn wir eine neue Kultur mit neuen Haltungen entwickeln. Wenn wir so bleiben, wie wir sind, entfernen wir uns nur noch weiter von den Menschen. „Geh bei anderen in die Schule“ – das habe ich in Giesing gelernt. Was sind deren Perspektiven? Was entdeckst du, wenn du mit dieser Perspektive Wirklichkeit wahrnimmst? Für den Dekan dort ist das bereits Mission. Mission ist ja keine Einbahnstraße, sondern ein wechselseitiges Entdeckungsgeschehen. Ein anderes Wort von Mission ist Dialog.  

Die Exkursion hat den Aspekt der Mission und des Sendungsbewusstseins von Christen als Schwerpunkt aufgegriffen. Welche anderen Aspekte von Mission haben Sie kennengelernt?

Zu Mission gehört auch eine Vision oder ein Profil. Blicken wir in die Geschichte: Missionarinnen und Missionare waren immer Abenteurer. Sie reisten zum Beispiel mit Koffern nach Bremerhaven, gingen an Bord von Schiffen und kamen einige Wochen später in Brasilien oder Papua Neuguinea an. Sie hatten keine Ahnung, was sie erwartet. Sie vertrauten aber darauf, dass alles gut geht. Mehr noch: Sie wussten, dass sie zunächst die Sprache der anderen lernen müssen. Das ist ein Moment, den wir vielfach vergessen, wenn wir an Mission denken. Wir müssen zuerst eine andere Sprache lernen. Wir müssen zunächst in eine Sprachschule gehen. Es geht nicht zuerst darum, die Bibel zu irgendwelchen Menschen zu bringen. Zuerst muss ich mich verständlich machen. Und das heißt auch, zuerst anderen zuzuhören, sie wahrzunehmen und deren Kultur und Sprache kennenzulernen.

Ein anderer Aspekt: Mission passiert auch dadurch dass Menschen feststellen, wie wir Christen im Alltag agieren. Stehen wir anders an der Supermarktkasse? Sind wir in der Situation, wo andere sprachunfähig sind, sprachfähig? Halten wir – tastend und suchend - mit anderen in ihren Ohnmachtserfahrungen aus? Das Christliche als Lebensstil ist ein wichtiger Aspekt missionarischen Handelns.

© Wustmans/Bistum LimburgKein Café, sondern Kirche: Im Gebetshaus in Augsburg gibt es guten Kaffee.

Ein anderes Wort von Mission ist Dialog.

Einen weiteren Punkt haben wir beim ICF erlebt: exzellente Wortverkündigung. Exzellent, weil ich jedes Wort verstanden habe und ich mich angesprochen gefühlt habe. Es ging um existenzielle Erfahrungen. Und es wurde klar: Das hat etwas mit mir und mit den Menschen um mich herum zu tun. 

Das klingt jetzt – kritisch gesehen – als ob eine solche Wortverkündigung in katholischen Pfarreien eher die Ausnahme als die Regel sei… Wie lässt sich das ändern? 

Wir müssen grundsätzlich über die Qualität unserer Arbeit nachdenken und eine konstruktive Feedback-Kultur entwickeln. Ich habe großen Respekt vor allen, die regelmäßig Liturgien vorstehen und gerade an einem Wochenende mehrfach und an unterschiedlichen Orten diesen Dienst tun. Wo bekommen sie ein begründetes Feedback? Hier sind doch auch die Gläubigen gefragt. Ich plädiere außerdem dafür, Bandbreite zu eröffnen. Wir haben viele Möglichkeiten liturgischer Formen. Hier setzt auch Kirchenentwicklung an. Wir müssen aber auch schauen, wie Ausbildung gehen kann. In der ICF gibt es etwa ein Qualifizierungsprogramm für ehren- und hauptamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Bei allen kritischen Anfragen, die ich da habe, kann man davon etwas lernen.

Bei der Exkursion war der Austausch der Teilnehmer ein wesentliches Element. Wie lief das ab?  

Im Rahmen der Exkursion haben wir die verschiedenen Stationen reflektiert: das Gebetshaus, die Zeit in München in den Pfarreien sowie das ICF. Es braucht solche Zwischenreflexionen. Wir haben außerdem miteinander Bibel geteilt. Ich finde es wichtig, solche Elemente zu haben, da dadurch die Fragestellungen geschärft werden. Es lohnt sich, dem nachzugehen, was jeweils fasziniert oder auch abschreckt. In diesem Spannungsfeld lässt sich das Eigene deutlicher finden.

Lassen Sie bitte nochmal die Exkursion Revue passieren: Welches Projekt würden Sie direkt ins Bistum Limburg mitnehmen, wenn sie einen Wunsch frei hätten?

Ich möchte nicht eine Sache, sondern eine Haltung mitnehmen. Das ist die Haltung, sich der eigenen spirituellen Suche immer wieder bewusst zu sein, sich mit anderen im Prozess zu wissen, nach Formen des spirituellen Ausdrucks zu suchen, die Zugewandtheit und Barmherzigkeit, das Diakonische, nicht zu vergessen und das mit einer hohen Professionalität den Menschen in unserem Bistum anzubieten.

© Wustmans/Bistum LimburgDie Projekte der Exkursion zeichneten sich durch eine durchdachte Ästhetik aus. Logo des Gebetshauses in Augsburg.