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Menschen zuhören

Ein Studientag in Wiesbaden diskutiert Chancen und Herausforderungen einer Kirche im säkularen Umfeld
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Engagiert und unterhaltsam: Jan Loffeld, Professor für Praktische Theologie in Utrecht. © Bistum Limburg

An den eigenen Kirchenbildern arbeiten, Seelsorge und Verkündigung stärker von den Bedürfnissen und Erwartungen der Menschen her denken und ein überholtes Innen-Außen-Denken in der Kirche überwinden: Dazu hat der Pastoraltheologe Jan Loffeld etwa 130 Seelsorgerinnen und Seelsorger bei einem Studientag am Donnerstag, 19. September, aufgerufen.

Angesichts eines zunehmenden säkularen Umfelds stellten Religion und Gottesbezug für viele Menschen nur noch eine „schwache Option“ für ihr Leben dar. „Der Gottesgedanke ist für viele Leute obsolet“, sagte der Professor für Pastoraltheologie an der niederländischen Tilburg University, School of Catholic Theology in Utrecht. Für Seelsorger stelle es daher eine Erleichterung dar, eigene Vorstellungen und Kirchenbilder kritisch zu hinterfragen sowie die Begegnung mit Menschen nicht mit kirchlichen Idealvorstellungen und Gottesbildern zu überfrachten. Die Fähigkeit, deuten zu können, warum und mit welchen Wünschen und Anliegen Menschen zur Kirche kommen, sei für Seelsorger heute wichtiger denn je.

Der Studientag für Pastorale Mitarbeiter im Bistum Limburg im Wilhelm-Kempf-Haus in Wiesbaden stand unter dem Motto „Sakralität in der Moderne – Heiliges auch außerhalb: ,allumfassende Kirche‘ vs. ,heillose Welt‘“ und beschäftigte sich mit kirchlichen Handlungsoptionen in einer säkularisierten Welt.

Kirchliches Leben ist in säkularen Ländern bereits zusammengebrochen

In seiner Analyse machte Loffeld deutlich, dass Kirche in einem zunehmend säkularer werdenden Umfeld mit großen Herausforderungen konfrontiert werde. In den Niederlanden glaubten heute nur noch 14 Prozent an einen Gott. 30 bis 40 Prozent bezeichneten sich – so Loffeld weiter - als Agnostiker. Das katholische Leben sei dort innerhalb von drei Jahrzehnten vollständig zusammengebrochen. Dennoch lebe dort Kirche mit wenig Geld und Gebäuden weiter. Nur: „Eine Kirche, die Abschied genommen hat von einer Hochglanzmentalität, wird anders“, betonte der Theologe.

Kirchenbilder tragen nicht mehr

Loffeld wies auch darauf hin, dass frühere Kirchenbilder und Theologien wie etwa die „Communio-Theologie“ mit ihrem spezifischen Verständnis von Gemeinde von einem starken Innen-Außen-Denken, also wer Teil der Kirche ist und wer nicht, geprägt seien. Dabei gehe es in letzter Konsequenz nicht um Kirche oder darum, Kirche zu erhalten, sondern Christus als das Licht der Welt zu predigen. Dass ein Großteil der kirchlichen Ressourcen für die Versorgung von immer weniger werdenden Christen in Gemeinden eingesetzt werden, müsse überdacht werden. Es gebe noch sehr viele Menschen, die spirituell oder religiös interessiert, aber nicht institutionell an die Kirche gebunden seien. Wer auf diese Menschen zugehen wolle, müsse anerkennen, dass das, was diesen Menschen heilig sei, nicht unbedingt mit dem übereinstimme, was für die Kirche wichtig sei. Loffeld sprach sich dagegen aus, Menschen Inhalte einfach überzustülpen. Es sei nötig, sich stärker als bisher auf die Erwartungen und Bedürfnisse der Menschen einzustellen und Kirche nicht mehr allein funktional von den Sakramenten, sondern stärker vom Evangelium her zu verstehen.   

Seelsorgern nicht die Schuld zuschieben

Anhand von Statistiken aus der Schweiz zeigte der Pastoraltheologe, dass viele Menschen keine religiösen Bedürfnisse mehr haben und sich dieser Trend in Zukunft voraussichtlich fortsetzen werde. „Viele Leute können ohne Religion glücklich werden“, betonte der aus dem Bistum Münster stammende Priester. Seelsorgern dürfe daher auch nicht einseitig die Schuld zugeschoben werden, sie hätten schlechte Arbeit geleistet. „Auch dort, wo wir pastoral gut sind, gibt es eine Ausschweifung des Gottesgedanken“, machte Loffeld deutlich. Damit umzugehen, sei die größte Herausforderung für Seelsorger.

Sinnperspektiven eröffnen

Gleichwohl ergäben sich in einer säkularen Umwelt für kirchliche Mitarbeiter neue Handlungsperspektiven: „Für das zukünftige Christentum gibt es zwei Lungenflügel: Das Diakonische und das Rituelle“, meinte Loffeld. Rituale wie das Segnen oder das Entzünden von Kerzen hätten für viele Menschen eine hohe Bedeutung. Zudem könne auch die Rede darüber, was Menschen heilig ist, als Brückenkopf dienen, um die individuellen Lebensgeschichten der Menschen mit der Botschaft des Evangeliums zu verknüpfen. Dazu sei es nötig, Menschen Raum zu geben, ihre Lebensgeschichte erzählen zu können. Seelsorgern komme die neue Aufgabe zu, Menschen zu helfen, Sinnperspektiven für ihr Leben zu entdecken und das Evangelium anzubieten. „Wir haben eine der größten Narrationen der Menschheit. Wir dürfen selbstbewusst sein“, sagte Loffeld. „Wir müssen aber erst zuhören. Und ich muss mich im Zuhören auch verändern dürfen. Welchen Raum geben wir Menschen, dass sie von sich erzählen dürfen?“

© Bistum LimburgStephan Menne, Abteilungsleiter Personalentwicklung und -förderung führte in den Studientag ein.