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Scharniere zwischen Kirche und Welt

Die Katholischen Akademien stehen durch Corona und Sparzwänge vor großen Herausforderungen
Scharniere zwischen Kirche und Welt
Scharniere zwischen Kirche und Welt
Normalität vor Corona - ein vollbesetzter Großer Saal im Haus am Dom bei einer Veranstaltung mit Bischof Bätzing. © Bistum Limburg

Nach dem Zweiten Weltkrieg wollten die Katholischen Akademien - wie ihre evangelischen Pendants - zum Wiederaufbau des politischen und gesellschaftlichen Lebens beitragen. Heute stehen sie aufgrund der Corona-Pandemie und Sparzwängen vor anderen Herausforderungen. In München haben sie inzwischen wieder ihre Pforten für Besucher geöffnet, ebenso wie in Frankfurt und an vielen anderen Standorten. Als Kardinal Reinhard Marx in der Katholischen Akademie in Bayern sein neues Buch «Freiheit» vorstellte, waren 50 Gäste zu der Veranstaltung zugelassen - obwohl 300 Platz hätten. Die Corona-Pandemie erzwingt weiterhin ihren Tribut, auch wenn in der ganzen Republik die kirchlichen «Thinktanks» nach und nach ihren Betrieb wieder hochfahren. 

Ein Großteil der 27 Bistümer in Deutschland unterhält eigene Akademien. Dazu kommen Häuser, die sich in freier Trägerschaft befinden. Sie bringen Künstler mit Kirchenleuten ins Gespräch, lassen Politiker und Wirtschaftsvertreter zu Wort kommen, zeigen Filme oder organisieren Lesungen von Schriftstellern. Und erreichen mit ihren Angeboten Jahr für Jahr Tausende Menschen.

Große Einnahmeverluste

Doch der Lockdown im März hat die Bildungshäuser - viele mit Gästezimmern und Hotelbetrieb - hart getroffen. «Es war ein Tiefschlag», sagt der Münchner Akademiedirektor Achim Budde. Sein Kollege Siegfried Grillmeyer vom Nürnberger Caritas-Pirckheimer-Haus rechnet allein für das dortige Tagungshotel im laufenden Jahr mit einem Einnahmeverlust von 600.000 Euro. Zuletzt schlug die Thomas-Morus-Akademie in Bergisch Gladbach Alarm und machte erhebliche Einnahmeausfälle öffentlich. Die vom Diözesanrat der Katholiken im Erzbistum Köln getragene Einrichtung finanziert sich zu 70 Prozent aus Teilnahmegebühren und lebt unter anderem von der Organisation von Bildungsreisen, angesichts von Corona derzeit kaum durchführbar.

Treues Publikum in Krisenzeiten

Ein weiteres Problem: Die Stammkundschaft ist zumeist eher älter und gehört deswegen zur sogenannten Risikogruppe. Einige Teilnehmer würden möglicherweise «nur mit Sorge» wieder in die Häuser kommen, befürchtet Ruth Bendels vom Jakobushaus in Goslar, der Akademie des Bistums Hildesheim. Zugleich erlebte sie, wie andere Kollegen auch, ein treues Publikum in Krisenzeiten. «Manche haben freiwillig für ausgefallene Seminare bezahlt oder sogar größere Summen gespendet.»

Unterdessen erweiterten viele Häuser ihre Aktivitäten im Netz. Ein Beispiel: Live-Übetragungen von Veranstaltungen. «Inzwischen streamen wir das, was bei uns stattfindet, mit professioneller Technik», sagt Joachim Valentin, Direktor des Bildungs-, Kultur- und Tagungszentrums «Haus am Dom» in Frankfurt. Man habe die persönliche Begegnung auf Null gefahren, die digitale Debatte auf 100, umschreibt es der Leiter der Akademie des Bistums Dresden-Meißen, Thomas Arnold. Das Echo, berichten Grillmeyer, Valentin und Arnold übereinstimmend, war und ist bemerkenswert. So erzielte der von den Dresdnern angebotene Podcast «Mit Herz und Haltung» inzwischen fast 7.000 Abrufe. «Insofern», meint Arnold, «sind unsere 'Umsätze' innerhalb der letzten drei Monate eher gestiegen als gesunken.» Sein Fazit: «Akademie kann Krise. Aber wir wollen auch wieder 'normal'.»

Bis dahin wird aber wohl noch einige Zeit ins Land gehen. In München machen sie das Herbstprogramm «coronafest», wie Direktor Budde erzählt. Das heißt auch: «einen Plan B bereit zu haben, falls sich kurzfristig die Situation ändert». Wie andernorts setzen die Verantwortlichen dafür auf die Möglichkeiten der Digitalisierung. «Aber wir sind überzeugt, dass die direkte Begegnung von Menschen für den gedanklichen Fortschritt unersetzbar ist.» 

Kirche muss diskursfähig bleiben

Ob das wiederum dauerhaft gelingt, ist auch eine Frage des Geldes. Die Kirchensteuereinnahmen werden zurückgehen und damit vermutlich auch die finanziellen Spielräume mancher Bildungshäuser. Der Sprecher der Katholischen Akademien, Peter Klasvogt, warnt bereits vor einem Kahlschlag. In einer immer säkularer werdenden Öffentlichkeit müsse Kirche diskursfähig bleiben. Hierzu könnten Akademien mit ihren vielfältigen Kontakten eine Menge beitragen, so Klasvogt, der die Katholische Akademie des Erzbistums Paderborn in Schwerte und das Sozialinstitut Kommende Dortmund leitet. Dafür müsse man allerdings dahin gehen, wo es weh tut, fordert der Dresdner Akademieleiter Arnold. «Wenn wir wirklich Scharnier zwischen Kirche und Welt sein wollen, dann doch, wenn es quietscht.» Nur wenn die an den Akademien geführten Debatten eine gesellschaftliche Relevanz besäßen, sei jeder bereit, Geld zu investieren. Sein Münchner Kollege Budde will sich durch Corona nicht die Agenda diktieren lassen. «Wir müssen auch 'Themen retten', denn Umwelt, Migration und Gemeinwohl oder auch Kultur und Philosophie haben aus christlicher Sicht nichts an Bedeutung verloren.»

Ein gesellschaftlicher Schatz

Ruth Bendels formuliert es so: Katholische Akademien gehörten zu den nicht gerade zahlreichen Orten in der Öffentlichkeit, «an denen frei von wirtschaftlichen Interessen über Gesellschaft intensiv nachgedacht und gestritten werden darf - und zwar nicht nur von Katholikinnen und Katholiken, sondern von allen.» Diese Orte seien nicht nur ein gesellschaftlicher Schatz, fügt Bendels hinzu. «Ich glaube, sie sind lebenswichtig für eine gute, nachdenkliche und freundliche Gesellschaft.»  Joachim Heinz (KNA)