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Seelsorge auf dem Raucherbalkon

Karl Schermuly berichtet im Interview von den Corona-Einschränkungen in der Psychiatrie
Seelsorge auf dem Raucherbalkon
Seelsorge auf dem Raucherbalkon
Karl Schermuly © privat

Interview mit Karl Schermuly, Psychiatrieseelsorger im Scivias St. Valentinuskrankenhaus an den Standorten Kiedrich und Bad Soden

Wie sieht Ihr Tätigkeitsbereich aus?

Ich bin an zwei verschiedenen Orten mit unterschiedlichen Einrichtungen und Therapiezielen tätig. Dazu gehören Psychotherapiestationen, eine geschützte geschlossene Station, Suchtstationen, ein gerontopsychiatrischer Bereich und ein Bereich der Eingliederungshilfe. Wichtig ist: Krankenhausseelsorge ist nicht nur eine Krankenseelsorge. Es geht nicht nur um Patienten, sondern auch um Mitarbeiter und um Kontakte zu Angehörigen. Letztere sind zwar selten, aber gerade in der Pandemie manchmal sehr wichtig, wenn Besuchsverbote den Kontakt zum erkrankten Angehörigen einschränken. Zudem gibt es ja in Kiedrich auch Menschen, die in den betreuten Wohnbereichen untergebracht sind, also ihren festen Wohnsitzt in unserem Haus haben. Das gilt auch für die Bewohner der gerontopsychiatrischen Bereiche.

Welche Auswirkungen hatte und hat die Pandemie?

Die Auswirkungen der Pandemie sind unterschiedlich, schwerwiegende Auswirkungen haben aber vor allem die Kontaktbeschränkungen. Das gemeinschaftliche Miteinander ist weggebrochen. Vor allem im Klinikbereich ist das schmerzlich spürbar. Therapieangebote sind weggefallen. Ein gemeinsamer Aufenthalt in den Gruppenräumen war entweder gar nicht möglich oder  nur mit wenigen Menschen.  Das Essen wurde auf den Zimmern eingenommen. Für die Therapie gerade von Menschen, die sich krankheitsbedingt sowieso zurückziehen, ist das natürlich sehr erschwerend.

Auch für mich in meiner Arbeit gilt: Begegnungsflächen im Alltag sind weggefallen, Gruppenangebote waren nicht möglich. Gerade im gerontopsychiatrischer Bereich hat es eine fast konsequente Abschottung nach außen gegeben mit dem Wegfall fast aller Gemeinschaftsangebote. Jahreskreisbegleitende Feste - mit Angehörigen -, die oft  kleine Lichtblicke sind, sind ausgefallen. Auswirkungen gibt es natürlich auch beim Personal. Gerade die vielen Singles in den Teams hatten schwer unter den fast ein Jahr eingeschränkten und weggebrochenen Freizeitangeboten zu leiden. Sie haben auch ihre normalen sozialen Kontakte schmerzlich vermisst.

Haben sich die Anliegen der Menschen durch die Krise verändert?

Kontaktbeschränkungen, Isolation, Homeoffice verstärken einerseits Suchtproblematiken und erschweren andererseits notwendige therapeutische Begleitung in Gruppen nach dem Klinikaufenthalt. Im Gerontobereich ist die zunehmende Reizarmut ein Problem. Hier war und ist eine  starke  Vereinsamung der Bewohnerinnen und Bewohner mit spürbarerer Lethargie zu beobachten.

Was können Sie trotz Einschränkungen für die Menschen tun?

Zum Glück sind in den Sommermonaten Begegnungen draußen leichter möglich. Wenn ich an Orte gehe, wo Patienten sich treffen, bieten sich wieder mehr Kontaktmöglichkeiten, zum Beispiel auf den Raucherbalkons. Ich versuche, diese sogenannte Gehstruktur der Kontaktpflege noch zu verstärken durch Besuche der Neuzugänge und regelmäßige Besuche in den Therapiebereichen, die mir zugänglich sind: Ergotherapie, morgendliche Walkingrunden, kleine Spaziergänge, um mal wieder herauszukommen. Das gilt besonders für Patienten auf den Suchtstationen, aber auch auf der geschlossenen Station in Bad Soden. Manchmal ist das gemeinsame Gehen eine gute Gelegenheit, ins Gespräch zu kommen. Ich selbst lade regelmäßig gruppenweise und stationsbezogen zu Spaziergängen und Führungen speziell in Kiedrich ein. Das wird gerne angenommen.

Für die Bewohner der gerontopsychiatrischen Bereiche halte ich, solange Singen nicht erlaubt ist, statt meines regelmäßigen musikalischen Angebots kleine Vorträge über alle möglichen Themen, eine Israel-Reise, die ich selbst erlebt habe, Bäume in der Bibel, aber auch über Schlösser und Burgen am Rhein oder die Kiedricher Basilika.

Außerdem ist es mir ein wichtiges Anliegen, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Pflege und in allen Behandlungsteams im Blick zu behalten und ein offenes Ohr für sie zu haben. Sie sind nervlich manchmal am Limit, sei es durch die Mehrfachbelastung durch krankheitsbedingte Ausfälle oder auch, weil sie familiär stark belastet sind durch Kinderbetreuung und Homeschooling. 

Was ist das Besondere an Ihrem Arbeitsplatz und was hat Sie dorthin geführt?

Die Vielfalt von Menschen, die mir hier begegnet. Die engagierten Bemühungen, Menschen dabei zu unterstützen, dass sie wieder Boden unter die Füße bekommen. Dass es ihnen möglich wird, neue Wege zu gehen, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen. Die große Liebe und Sorgfalt der Mitarbeiter zu und mit den Menschen.

Nach 30 Jahren Gemeindearbeit in nicht immer einfachen  sozialen Milieus wollte ich noch einmal etwas Neues im Bereich der Krankenhausseelsorge beginnen. Dass es die Psychiatrie sein würde, hätte ich nicht gedacht. Aber ich möchte nicht mehr wechseln  wollen. Tatsächlich denke ich inzwischen: Gott tut nichts als fügen  

Was hilft Ihnen selbst bei der Bewältigung?

Radikale Akzeptanz, die Gewissheit, dass auch diese Pandemie ein Ende haben wird, und unter anderem ein Bibelwort wie in Psalm 23: " Muss ich auch wandern im finstern Tal, du bist bei mir, dein Stab und dein Stock geben mir Zuversicht."

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