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Von Mut, Freude und neuer Verantwortung

Oberurseler Gemeindeleiterinnen berichten im Main-Taunus von ihren Erfahrungen
Von Mut, Freude und neuer Verantwortung
Von Mut, Freude und neuer Verantwortung
Diakon Matthias Wolf plädiert für Gelassenheit und Augenmaß © Reichwein/Bistum Limburg

Vieles ist zum Verzweifeln in der Kirche, auf der anderen Seite aber gibt es auch Mut, Lust auf Neues und Glaubenswachstum: Zum Auftakt des diesjährigen  Jahresempfangs des Bezirks Main-Taunus skizzierte Bezirksreferent Matthias Braunwarth die ganze Bandbreite der Gefühle. Den rund 70 Teilnehmern, Haupt- und Ehrenamtlichen aus dem Bezirk, Vertretern der Caritas und der evangelischen Kirche, versprach er „geistige Nahrung“, um sich aufbauen zu lassen. Bezirksdekan Klaus Waldeck verband seine Begrüßung mit einem herzlichen Dank an all diejenigen, die sich „für die kirchliche Arbeit in unserem Bezirk einsetzen“. Angesichts gravierender Herausforderungen schauen, was sich anderswo „unter dem Kirchturm“ tut, das nannte Hans-Joachim Hampel, Vorsitzender der Bezirksversammlung als Ansporn für diesen Abend, bei dem drei  Gäste aus dem Nachbarbezirk Hochtaunus zu Wort kamen.

Einzigartiges Pilotprojekt

Mit Marcelline Schmidt vom Hofe und Renate Kexel, die in Oberursel-Oberstedten als ehrenamtliches Team - zusammen mit Edith Schröder - die Gemeinde leiten, hatten die Veranstalter die passenden Botschafterinnen für Ermutigung nach Hattersheim geholt. Lebendig, mit Humor und Überzeugungskraft berichteten die beiden von dem im Bistum Limburg bislang einzigartigen Pilotprojekt. Sie habe als Ehrenamtliche wahrhaftig auch harte und dürre Zeiten erlebt, berichtete Marcelline Schmidt vom Hofe im Interview mit Martin Klaedtke vom Team Kirchenentwicklung. Heute sei sie froh, dabei geblieben zu sein. Es mache einfach viel Freude, etwas zu bewirken, pflichtete Renate Kexel bei. Gerade die Älteren hätten auf das neue Projekt sehr positiv reagiert. „Endlich kommt was in Bewegung, macht das!“ Nach diesem Motto habe es viel Unterstützung gegeben.

Zusammenarbeit auf Augenhöhe

Unisono verwiesen die zwei auf sehr günstige Begleitumstände für das Gelingen ihrer Arbeit, die hervorragende Vernetzung in der Pfarrei St. Ursula ebenso wie die Zusammenarbeit auf Augenhöhe mit Pfarrer Andreas Unfried und allen Hauptamtlichen. Der Ortsausschuss habe zuvor schon sehr gut funktioniert. Die offizielle Beauftragung sei dennoch wichtig: „Sie hat etwas mit uns gemacht, ein ganz anderes Verantwortungsgefühl hervorgebracht“, so Schmidt vom Hofe: „Wir legen die Hand für die Gemeinde ins Feuer.“ Auch für die Gesellschaft seien sie drei inzwischen „das Gesicht der Gemeinde“ und Ansprechpartner für die Frage „Was sagt denn die katholische Kirche dazu?“. Ihre eigene kollegiale Zusammenarbeit beruhe dabei auf dem Glauben, der sie verbinde, und darauf, „das Ganze im Blick zu haben“, wie Renate Kexel betonte. Ganz praktische, auf den ersten Blick ungewöhnliche Tipps hatten die beiden zu guter Letzt für die gespannt lauschende Zuhörerschaft auch noch im Gepäck: Nur eine der Kirchentüren sonntags auf lassen. „Und dann dort stehen und die Menschen ansprechen.“

Bedeutung der Transparenz

Die Grundlagen für das so positiv aufgenommene Projekt hatte zuvor als dritter Besucher aus Oberursel Diakon Matthias Wolf umrissen. Die Pfarrei neuen Typs sollte eine neue, andere Qualität gegenüber der früheren Pfarrei haben und subsidiär organisiert sein. „Damit bedurfte die Gemeinde vor Ort der konkreten Neugestaltung.“ Die Leitungsbilder des ausgehenden 19. Jahrhundert mit einem Pfarrer als Hirten der Herde  seien überholt, sagte Wolf. Die Wirklichkeit der Gemeinden wie die des Lebens überhaupt sei inzwischen so vielseitig und komplex, dass es mehrere Menschen brauche, um gut leiten zu können. Angesichts der Missbrauchsanfälligkeit von Machtausübung unterstrich er in diesem Zusammenhang auch die große Bedeutung der Transparenz.

Plädoyer für Augenmaß und Gelassenheit

Die neue Art zu leiten gehe mit einem grundlegenden Mentalitätswechsel einher, sie müsse wachsen und das brauche Vertrauen und Zeit, sagte der Diakon. Er plädierte für Augenmaß, Gelassenheit, Entschleunigung und Respekt und schloss mit einer nüchternen Klarstellung: "Gemeindeleitung im Team“ sei  kein Vehikel der Verkündigung oder Rekrutierung, sondern schlicht ein Dienst an der Gemeinde. Auf die lange Tradition des synodalen Wegs im Bistum Limburg verwies Dorothee Heinrichs vom Diözesansynodalamt, die in diesem Zusammenhang von der „Augenhöhe der Kinder Gottes“ sprach. Das sei bereits vor 50 Jahren in der Synodalordnung grundgelegt worden. Wenn so viel Positives erreicht werde wie in Oberursel, könne das Bistum sehr gut seine Hand darüber halten.

 

© Reichwein/Bistum LimburgBezirksdekan Klaus Waldeck und Hans-Joachim Hampel, Vors. d. Bezirksversammlung, begrüßen die Teilnehmer
© Reichwein/Bistum LimburgBezirksdekan Klaus Waldeck und Hans-Joachim Hampel, Vors. d. Bezirksversammlung, begrüßen die Teilnehmer
© Reichwein/Bistum LimburgBezirksreferent Matthias Braunwarth verspricht "geistige Nahrung" und Ermutigung
© Reichwein/Bistum LimburgMartin Klaedtke im Gespräch Marcelline Schmidt vom Hofe und Renate Kexel (v.l.n.r.)