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18.06.2012

Gemeinsam auf dem Parcour des Lebens

Erstmals Orientierungstage für Schüler mit und ohne Handicap

HOFHEIM / HATTERSHEIM / OBERURSEL. ? Zum ersten Mal hat die Katholische Fachstelle für Jugendarbeit Taunus (Oberursel) die traditionellen „Tage der Orientierung“ für Schüler als inklusives Angebot veranstaltet. In Kooperation mit der Friedrich-von-Bodelschwingh-Schule (Hofheim) und der Heinrich-Böll-Schule (Hattersheim) war Mitte Juni eine Gruppe von jungen Erwachsenen mit und ohne Behinderung im Jugendbildungshaus Ilbenstadt, um sich gemeinsam mit dem Thema „Neue Wege gehen ? sich entscheiden“ auseinander zu setzen. Was im Vorfeld noch vorsichtig als Versuch „mit experimentellem Charakter“ angesehen wurde, hat sich in der Praxis als Riesenerfolg erwiesen, so das einhellige Fazit aller Beteiligten: „Extrem schön“, fasst Michelle (19) von der Heinrich-Böll-Schule die Stimmung in Worte. „Das hat alle unsere Erwartungen übertroffen“, sagt Jugendbildungsreferentin Stefanie Bittmann.

Ganz schnell habe sich ein Gemeinschaftsgefühl entwickelt, ohne Fremdeln und Distanz: „Man hat manchmal wirklich vergessen, dass es zwei Schülergruppen waren“, berichtet sie. Die Weichen dafür waren mit einem Vortreffen in der Bodelschwingh-Schule gestellt worden, bei dem sich die zehn Werkstufenschüler und die zehn teilnehmenden Abiturienten aus Hattersheim erstmals „beschnuppern“ konnten. Die Schüler der Regelschule lernten dabei auch die für sie ungewohnten Methoden der Förderschule kennen, bei denen der Einsatz von Bildern und Piktogrammen eine große Rolle spielt. „In leichter Sprache Dinge  ansprechen, die die Herzen aller berühren“: Das war für Andrea Kurnoth, Religionslehrerin an der Friedrich-von-Bodelschwingh-Schule, die Vorgabe für die gemeinsamen Tage, die von ihr initiiert worden waren.

„Die Zugangswege sind andere, aber die Themen, die diese Altersgruppe zum Schulende bewegt, sind dieselben“: In dieser Überzeugung sieht sich die Lehrerin durch die Reaktionen der Schüler bestätigt. Verbindendes Symbol war für alle der Wegweiser, an dem die entscheidenden Fragen gestellt wurden: „Wo kommst du her? Wo gehst du hin?“ Die 17- bis 21-Jährigen gestalteten kreativ eigene Wegweiser, bewährten sich in Kooperationsspielen und bewältigten in kleinen Teams einen „Parcour des Lebens“, dessen einzelne Stationen von der Ablösung von den Eltern über die Berufswahl bis zur Art des künftigen Wohnens derzeit für alle Beteiligten gleichermaßen wichtig sind. Dass man sich mit diesen Themen mit Gewinn beschäftigen kann, „ohne alles so kompliziert zu machen und immer um fünf Ecken zu formulieren“, so Michelle, gehörte nicht nur für die Gymnasiasten, sondern auch für ihren Religionslehrer Stefan Strohmenger zu den besten Erfahrungen. „Spüren, was es ausmacht, Mensch zu sein, unabhängig von Prüfungen und Leistungen: Das war für die Schüler und für mich ein so intensives Erlebnis“, bekennt er.

Dabei gab es zu Beginn durchaus auch gemischte Gefühle: Berührungsängste auf der einen Seite, auf der anderen die Sorge, nicht verstanden und nicht angenommen zu werden. Dass die Bedenken so schnell verflogen, hat alle überrascht: „Das war unglaublich, wie schnell sich das gelockert hat“, berichtet Tim (20), einer der Heinrich-Böll-Schüler. „Wir machen uns oft Kopfzerbrechen über Kleinigkeiten, meckern an allem rum, sind nie zufrieden“, sagt seine Klassenkameradin: „Hier habe ich Menschen kennen gelernt, die sich wirklich über etwas freuen können.“ Dana (18) von der Friedrich-von-Bodelschwingh-Schuhe zeigt sich ihrerseits glücklich darüber, ohne Vorbehalte akzeptiert worden zu sein, und Stefan (21) war im Rahmen der gemeinsam verbrachten Zeit so gerührt, dass er gleich an Ort und Stelle seine Abschiedsrede zum Ende der Schulzeit gehalten hat. „Wir müssen die Rahmenbedingungen schaffen, dann haben wir uns viel zu sagen“, meint Andrea Kurnoth. Und auch darin sind sich die Kooperationspartner einig: Es soll in jedem Fall eine Fortsetzung geben. (rei)

 

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