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An der Seite der Bedürftigen sein

An der Seite der Bedürftigen sein
An der Seite der Bedürftigen sein
© Andreas Gref

Andreas Gref ist im Vorstand der Stadtversammlung der Wiesbadener Katholiken und Gemeindemitglied der Pfarrei St. Bonifatius.

Die Stadtversammlung der Wiesbadener Katholiken hat eine Hilfsaktion ins Leben gerufen, um Kunden der Tafel zu unterstützen. Was ist der Grund für diese Initiative?

Es ist ein besonderes Anliegen des Vorstandes der Wiesbadener Stadtversammlung, dass Kirche nach außen wirkt und im eigenen Umfeld aktiv wird.  So haben wir uns bereits zu Beginn der Pandemie über die Situation der Unterstützungsbedürftigen in der Stadt kundig gemacht und erfahren, dass sich die Anzahl derjenigen, die sich an die Tafel wenden, erheblich erhöht hat. Familien, aber auch Senioren, sind durch die Pandemie in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten und benötigen zusätzlich zu den bisher Bedürftigen diese Hilfe. Eine große Herausforderung für das Ehrenamtlichen-Team der Tafel Wiesbaden e.V., das zum großen Teil aus aktiven Rentnern besteht, die selbst zur Risikogruppe gehören. Der Ansturm ist groß und die Spenden reichten nicht mehr aus, um alle Anfragenden wöchentlich mit Lebens- und Pflegemitteln zu versorgen. Wir wollten deswegen nicht lange fackeln und noch vor Weihnachten entsprechend handeln. Wir sind stolz darauf, dass die gesamte Aktion von Ehrenamtlichen organisiert und durchgeführt wird. Sie soll noch bis in den Februar hinein fortgesetzt werden.

Wie ist die Aktion angelaufen, wie steht es um die Hilfsbereitschaft der Menschen in den Kirchengemeinden?

Die große Bereitschaft zu helfen, hat uns tief bewegt. Um aus meiner Gemeinde zu berichten: Im Kirchort St. Bonifatius haben die Gemeindemitglieder bereits einen Tag nach der Ankündigung der Aktion großzügig gespendet. Lebens-, Pflegemittel, Kindernahrung und Drogeriegutscheine wurden umfangreich abgegeben. Mütter schoben ihren Kinderwagen voller Gaben in den Gottesdienst. Menschen aus der Gemeinde, von denen wir wissen, dass sie wenig haben, brachten Spenden. Eine ältere Frau legte eine Tüte mit selbst gebackenen Plätzchen in den Korb und entschuldigte sich, weil sie nicht mehr geben könne. Sie sagte: "Es kommt von Herzen“. Eine Frau aus der Gemeinde fiel dadurch auf, dass sie täglich etwas brachte. Sie schilderte, dass ein befreundetes Ehepaar sein Unternehmen verloren habe und als ehemals Selbständige mit zwei Kindern mittellos sei. Das hat uns sehr berührt.

Wie erleben Sie persönlich die Auswirkungen der Corona-Pandemie und warum engagieren Sie sich?

Ich habe in meinem gesamten Umfeld unmittelbar gesehen, welche existenziellen Folgen die Pandemie hat. Für mich ist klar: Jeden kann es treffen, jeder kann unerwartet auf Hilfe und Unterstützung angewiesen sein! Ich bin Mitglied im Wiesbadener Wirtschaftsforum und erlebe hautnah mit, wie viele Unternehmen die aktuelle Situation nicht überleben, Gastronomie, Hotellerie, Messebau, Veranstaltungsmanagement, Reisebusunternehmen, Reiseveranstalter, Betreiber von Joga-, Wellness- und Fitnessstudios usw. Auch mein eigenes Unternehmen für Unternehmensberatung und Personalvermittlung im Gesundheitswesen, Gastronomie und Spitzenhotellerie ist existenziell durch die Pandemie betroffen, unter anderem, weil die Pflegefachkräfte im Operationsdienst weniger gebraucht werden. Aus meiner langjährigen ehrenamtlichen Tätigkeit im Rahmen der Frühförderung von hochbegabten Pianisten weiß ich, dass die jungen Künstler, die inzwischen Berufs- und Konzertmusiker sind, vor dem wirtschaftlichen Aus stehen. Ich sehe viele Studenten aus unterschiedlichsten Studiengängen, die sich vor der Pandemie als studentische Aushilfen in der Hotellerie, Gastronomie, im Handel oder durch Konzerte zusätzlich Geld verdient haben, weil ihre Eltern sie nicht unterstützen können. Diese Einnahmequellen fehlen jetzt.

Einsatz für die sozialen Themen

Da ich selber aus der Pflege komme und schon von Jugend an soziales Ungleichgewicht nicht ertragen kann, setze ich mich in der Diözesanversammlung und der Wiesbadener Stadtversammlung der Katholiken besonders für die sozialen Themen ein. Mein Fokus liegt dabei auf Kinder- und Altersarmut, Obdachlosigkeit, Pflege im Alter und Sterbebegleitung. Die Würde des Menschen, insbesondere der Schwachen, der Kranken, Pflegebedürftigen, Sterbenden und Obdachlosen, ist für mich besonders wichtig. In meinem Glauben steht die Nächstenliebe obenan. Die Kirche darf sich nicht zurückziehen und sich mit Strukturproblemen beschäftigen, sondern muss in solchen Krisenzeiten mehr denn je nach außen gehen und an der Seite der Bedürftigen stehen.

Da ist meiner Überzeugung nach einiges versäumt worden, es gibt aber auf der anderen Seite auch viel Engagement. So sind beispielsweise in der Pfarrei St. Bonifatius an Heiligabend Pakete für einsame und alleinstehende Menschen verpackt und ausgegeben worden. Einmal pro Woche bereitet eine Kochgruppe im Roncalli-Haus eine warme Mahlzeit für die Obdachlosen in der Teestube zu. Seit einigen Monaten werden außerdem in den katholischen Gemeinden in Wiesbaden freiberufliche Künstler unterstützt, die für die musikalische Gestaltung der Gottesdienste engagiert werden.

Wie geht es Erzieherinnen und Erziehern in der Notbetreuung? Mit welchen Gefühlen tritt ein Krankenhausseelsorger seinen Dienst an? Was macht ein Kirchenmusiker, wenn Chorproben und Gottesdienste ausfallen? Und wie organisieren Seelsorgerinnen und Seelsorger die Pastoral vor Ort? Das Bistum Limburg will mit einer neuen Reihe von Kurzinterviews einen Einblick in den Alltag von Menschen in Zeiten von Corona eröffnen.  Alle Beiträge finden Sie auf unserer Themenseite: https://bistumlimburg.de/thema/drei-fragen/

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