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Auf die Menschen vor Ort hören

Die Präsidentin der Diözesanversammlung Ingeborg Schillai spricht im Interview über Veränderung
Auf die Menschen vor Ort hören
Auf die Menschen vor Ort hören

Ingeborg Schillai wurde auf der konstituierenden Sitzung der Diözesanversammlung im Juni als  Präsidentin wiedergewählt. Für die 70-Jährige aus Taunusstein wird es die dritte Amtszeit sein. Wir haben ihr drei Fragen gestellt - zum Thema „Veränderung“.

Im Rückblick auf die vergangene Amtszeit war die gemeinsame Beauftragung des MHG-Projektes ein besonderer Schwerpunkt: Wie haben Sie das persönlich erlebt, was hat sich für Sie durch die intensive Beschäftigung mit dem Thema verändert?

Mich haben die Begegnungen mit den Betroffenen während der Projektlaufzeit immer wieder sehr berührt und sehr beeindruckt. Es war nicht selbstverständlich, dass sich die Betroffenen für ein solches Projekt der Institution Kirche zur Verfügung stellen. Ich bin dankbar für die Zeit, und die jeweilige Expertise, die sie in mehrere Teilprojekte eingebracht haben, und auch für die Klarheit, mit der uns immer wieder der Spiegel vorgehalten wurde. Ich habe gelernt, dass Begegnungen zwischen den Menschen, die von sexuellem Missbrauch betroffen sind, und Vertretern und Vertreterinnen der Institution Kirche manchmal schwer sind. Die unterschiedlichen Perspektiven lassen sich nicht harmonisch zusammenfügen. Wir in der Kirche müssen lernen, die Perspektive der Betroffenen einzunehmen und sie mitzudenken. Uns in der Kirche wurde die Chance gegeben, das anfanghaft zu lernen. Von Beginn an war klar, dass es in einem solchen Projekt nicht um Gesichtswahrung für die Kirche gehen kann. Wir müssen uns von dem berühren lassen, was Menschen bewegt, wenn wir uns tatsächlich auf unseren Gott hin ausrichten, der die Menschen liebt.

Im Bistum wird (unter anderem) mit dem Transformationsprogramm Veränderung stark gemacht: Was muss/kann sich denn Ihrer Meinung nach grundlegend und rasch ändern, damit Kirche zukunftsfähig wird? 

Bei allen Veränderungen die wir als Kirche allgemein und besonders im Bistum angehen, ist mir wichtig, dass die Menschen in den Pfarreien mitgenommen werden. Das bedeutet erst einmal eine sehr gute Kommunikation in die Pfarreien und Kirchorte. Hier denke ich besonders an die Pfarrgemeinderäte, die oft vergessen werden. Oft ist nur das Pastoralteam im Blick. Diese Veränderung kann sofort umgesetzt werden. Auch hier ist die synodale Arbeitsweise im Bistum zu beachten. Oft wird diese bewährte Zusammenarbeit von Amt und Mandat vergessen oder missachtet. Manchmal ist sie so selbstverständlich, dass sie aus dem Blick gerät. Nach der Änderung der Pfarreien steht auch die Änderung der Bezirke und des Ordinariates an. Ich weiß nicht, ob Veränderung rasch gehen kann.

Auf jeden Fall sollten die Erfahrungen aus dem Pfarreiwerdungsprozess umgesetzt werden. Das sind aus meiner Sicht: Hören auf die Menschen vor Ort, viel miteinander reden, die Sorgen ernst nehmen und den Eindruck vermeiden oder gar nicht erst entstehen lassen „die in Limburg“ machen sowieso, was sie wollen. Für die Zukunft wünsche ich mir eine Kirche für die Menschen, eine Kirche, die Sorgen und Nöte sieht und ernst nimmt, eine Kirche die immer bereit ist sich zu ändern und eine Kirche die vertraut und der vertraut wird.

Durch die Corona-Pandemie hat sich weltweit und bis ins private Umfeld hinein unglaublich viel verändert: Was daran nehmen Sie als positiv mit, wo wünschen Sie sich dringend Rückkehr zur Normalität „davor“, was vermissen Sie? 

Als positiv nehme ich die vielen kreativen Angebote zum Gebet und Eucharistiefeiern wahr. Die Stille um mich herum, kein Auto, kein Flugzeug, keine Hektik, nur die Vögel und  Natur. Es war sehr vieles anders, vieles musste online digital erledigt werden. Das digitale Lernen ging schnell, forderte heraus und brachte viele Videokonferenzen mit sich. Ich vermisse die persönlichen Begegnungen. Wenn ich an die Gesellschaft denke, vermisse ich nach wie vor das Kümmern um die Kinder und ihre Familien. Sie werden bis heute benachteiligt. Hier fallen mir die Stichworte Geschlechtergerechtigkeit ein, das Hören auf die Mitmenschen, Obdachlose sehen und vieles mehr! Dieses „davor“ ist so eine Frage. Was ist normal? Ich wünsche mir, dass wir uns gegenseitig wieder besser sehen und hören, also ein wirkliches Sehen und ein verstehendes Hören. Und dass spirituelle Bedürfnisse, die auch versteckt geäußert wurden, ernst genommen werden.