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Bischof fordert Beratungen ohne Denkverbote

Bistum startet Reformprozess „Betroffene hören – Missbrauch verhindern“
Bischof fordert Beratungen ohne Denkverbote
Bischof fordert Beratungen ohne Denkverbote
Die Uhr für Reformen ist fast abgelaufen © D. Wiese-Gutheil/Kath. Stadtkirche Frankfurt

Beratungen ohne Denkverbote fordert der Bischof von Limburg, Georg Bätzing, um Machtmissbrauch und sexualisierte Gewalt in seinem Bistum zu unterbinden. Am Samstag, 7. September, gaben er und die Präsidentin der Diözesanversammlung, Ingeborg Schillai, als Vertretung aller Kleriker und Laien im Bistum, im Frankfurter Haus am Dom den Startschuss für ein ehrgeiziges Aufarbeitungsprojekt unter dem Titel „Betroffene hören – Missbrauch verhindern. Konsequenzen aus der MHG-Studie“.

Die Pole waren gleich zu Beginn des ganztägigen Treffens klar benannt: Hier die skeptischen Stimmen, gebündelt im Auftaktimpuls der Autorin Claudia Mönius (Nürnberg), die fragen, ob ein System wie die katholische Kirche überhaupt wandlungsfähig und bereit zu Reformen ist. Dort Bischof Bätzing und Ingeborg Schillai, die sagen, „wenn wir es nicht versuchen, wenigstens im Bistum Limburg, dann kann es keine Veränderung geben".

Das Bistum Limburg will in einem knapp einjährigen Prozess Konsequenzen aus der großen Missbrauchsstudie der katholischen Kirche in Deutschland ziehen. In einem außergewöhnlichen Projekt sollen Betroffene gehört, Missbrauch künftig verhindert und wirksame Konsequenzen gezogen werden, um Machtmissbrauch und sexuelle Gewalt einzudämmen. Rund 70 Fachleute, darunter auch Betroffene, sollen das bistumsweite Projekt, das Konsequenzen aus der MHG-Studie verspricht, in den kommenden Monaten voranbringen.

Ich möchte Veränderungen in unser Bistum bringen.

Bischof Georg Bätzing

Neun Teilprojekte mit Fachleuten und Betroffenen

In neun Teilprojekten, die grundsätzlich von Experten außerhalb des Bistums geleitet werden und je zur Hälfte mit Mitarbeitern und Externen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen besetzt sind, werden sie sich mit systemischen Problemen auseinandersetzen, die Missbrauch bisher begünstigt haben. Da geht es etwa um die Überarbeitung der Aus- und Weiterbildung oder um die Weiterentwicklung von Konzepten zur Personalführung, aber auch um die katholische Sexualmoral und eine Neubewertung von Homosexualität, um die Rolle der Frau in der Kirche, um Klerikalismus und Machtmissbrauch, Kommunikation und Information oder kirchenrechtliche Konsequenzen im Sinne einer Gewaltenunterscheidung. Ein eigenes Teilprojekt widmet sich der Aufarbeitung bisheriger Fälle sexualisierter Gewalt und nimmt umfassende Akteneinsicht. Ein weiteres soll schon während des Prozesses für die Nachhaltigkeit der vorgeschlagenen Maßnahmen sorgen, indem rasch umzusetzende Ideen direkt implementiert werden.

In einer ersten Zusammenkunft haben sich die einzelnen Projektgruppen bereits am Samstag auf wichtige Fragestellungen, die geeignete Arbeitsweise und konkrete Ziele verständigt. Den Teilprojekten gehören Wissenschaftlerinnen und Theoloen, Verantwortliche aus Politik und Zivilgesellschaft sowie Kirchenvertreter an. Als Prozessbeobachterin fungiert die Wiesbadener Rechtsanwältin Claudia Burgsmüller.

Claudia Mönius, die selbst traumatische Erfahrungen im Umfeld der Kirche gemacht hat und im Teilprojekt „Rolle der Frauen“ mitarbeitet, bekannte ihre große Skepsis dem Vorhaben gegenüber: „Beim Thema Gleichberechtigung fällt es in der katholischen Kirche wirklich schwer, sachlich zu bleiben.“ An Wandlungsfähigkeit und -bereitschaft im Vatikan glaube sie trotz des gegenwärtigen Papstes längst nicht mehr. Doch wenn es im Bistum Limburg echten Aufklärungs- und Reformwillen gebe, sei sie trotz allen Misstrauens dabei. „Eine Revolution statt ein paar windiger Reförmchen“, das würde sie „von Herzen gerne mitfeiern.“

Energie, Wissen und Kraft sollen das Projekt voranbringen

© D. Wiese-Gutheil/Kath. Stadtkirche FrankfurtDer Bischof und die Präsidentin der Diözesanversammlung hoffen auf Reformen

Bischof Bätzing forderte dazu auf, die Empfehlungen aus der MHG-Studie ernst zu nehmen und eine veränderte Praxis im Bistum zu etablieren: „Ich möchte wirklich Veränderungen in den Strukturen und Fragehorizonten in unser Bistum bringen,“ versicherte er den Beteiligten. Was hier beraten und empfohlen werde, habe großes Gewicht für ihn. Auch Ratschläge, die nicht den Möglichkeiten eines Bischofs entsprächen, sollten in den synodalen Beratungen offen diskutiert werden: „Es darf keine Schranken des Denkens und Redens geben. Denken und Reden in diesem Prozess müssen frei geschehen.“

Ingeborg Schillai unterstrich ebenfalls die Erwartung, einen großen Schritt weiterzukommen in dem Prozess. Es sei so viel „Energie, Wissen und Kraft“ unter den Beteiligten spürbar, dass das Projekt gelingen müsse: „Das ist wichtig für uns, für unser Bistum, vor allem aber für alle Menschen, die unendliches Leid in der Kirche erfahren haben.“