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Die Kirche als Lebensretter

Peter Felix Ruelius spricht auf Einladung der KAB über kirchliche Präsenz in Wiesbaden
Die Kirche als Lebensretter
Die Kirche als Lebensretter
Leben retten. In der Mitte: der Mensch. © Peter-Felix Ruelius
© privatPeter-Felix Ruelius

Statistik kann im kirchlichen Umfeld schnell zu einem Stimmungstief führen. Das weiß auch Peter-Felix Ruelius, wie er am  Donnerstag, 11. Februar, bei seinem Vortrag über „Kirchliche Präsenz in Wiesbaden“ einräumte: „Erschreckend und bedrückend“ nannte der Vorsitzende der Stadtversammlung der Katholiken Wiesbaden selbst die Zahlen, die er ausgerechnet an Weiberfastnacht präsentierte. Derzeit sind noch 19 Prozent der rund 265 000 Wiesbadener, die auf dem Gebiet leben, das zum Bistum Limburg gehört, katholisch. Während die Zahl der Taufen sinkt, steigt die der Austritte. Prognostiziert wird, dass der Gottesdienstbesuch im Jahr 2030 noch bei etwa zwei Prozent liegen und dass sich bis 2040 die Zahl der Katholiken mehr oder weniger halbiert haben könnte.

Auf die Qualität schauen

Doch Ruelius, der auf Einladung der Katholischen Arbeitnehmerbewegung (KAB) Wiesbaden auf der Videoplattform Zoom sprach, hatte für seine Zuhörer vor den heimischen Computerbildschirmen dennoch eine überraschende Ermutigung parat: Die Zahlen sagten gar nicht so viel aus. Man solle sie nicht als das eine und alles Bestimmende im Blick haben, sondern stattdessen auf die Qualität schauen. Gemeinschaft sei wichtig, aber diese Gemeinschaft sei nicht darauf angewiesen, dass sie überall in derselben Zahl präsent sei, wie man es möglicherweise aus der eigenen Jugend noch kenne.

Es geht nicht darum, vom Menschen irgendwas zu wollen, ihn irgendwie einzufangen, Brot gegen Religion zu geben

Worin könnte diese Qualität bestehen? Als Antwort auf diese Frage hatte der Theologe Auszüge aus einem Text von Alfred Delp und ein Foto mitgebracht. Der Jesuitenpater Delp hatte 1944, ein Jahr vor seiner Ermordung durch die Nationalsozialisten, in einer Schrift über „Die Zukunft der Kirche“ eine  „Rückkehr in die Diakonie“ angemahnt. Er meinte damit „das Sich-Gesellen zum Menschen in allen seinen Situationen mit der Absicht, sie ihm meistern zu helfen, ohne anschließend irgendwo eine Spalte und Sparte auszufüllen.“ Der Meister, so Delp, habe gesagt: „Geht hinaus!“ und nicht „Setzt euch hin und wartet, ob einer kommt.“

Es braucht erfüllte Menschen

Dieser Appell von Alfred Delp, betonte Ruelius, sei zukunftsweisend im Blick auf die Aufgabe der Kirche im 21. Jahrhundert. Es gehe nicht darum, vom Menschen irgendwas zu wollen, ihn irgendwie einzufangen, Brot gegen Religion zu geben. „Sondern es geht darum, bei ihm zu sein, einfach so, umsonst.“ Dies sei einer der christlichen Grundsätze, die ihre Strahlkraft behielten, egal, wie sich die Zeiten änderten. Als entscheidend bezeichnete er dabei das Wort von Delp, dass die Kirche dafür „erfüllte Menschen“ brauche.

In diesem Zusammenhang präsentierte der Vortragende ein Foto von einer Gruppe junger Seenotretter in der Bretagne, die am Strand einen Menschen auf einer Trage umringen, alle in ihren Taucheranzügen, auf der der Name der ausbildenden Rettungsschule zu lesen ist. Für ihn „ein schönes Bild für das, was Kirche heute sein kann.“ Ein Miteinander unterschiedlicher Menschen mit ganz unterschiedlichen Herkünften, die aber zusammen etwas machten oder es zumindest lernten: „nämlich Menschen retten.“

Wenn die Kirche im Glashaus sitzt, hat sie einen guten Platz.

In drei Thesen führte Ruelius aus, was seiner Meinung nach in die Zukunft der Kirche führen könnte. „Präsenz und Beziehung“ lautete das erste Stichwort: „Ich muss in der Lage sein, da draußen eine andere Stimme zu hören und mich berühren zu lassen.“ Als "dicke Brocken, die uns noch lange beschäftigen werden" nannte er als Zweites Aufklärung und Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch, die Konsequenzen aus der MHG-Studie,  Bemühungen um Prävention und hielt dabei ein eindringliches Plädoyer für Transparenz. Auf allen Feldern müsse kirchliches Handeln so sein, dass man denen, die handelten, jederzeit dabei zuschauen könne. „Wenn die Kirche im Glashaus sitzt, hat sie einen guten Platz.“

Die Quintessenz des Evangeliums: Fürchtet euch nicht!

Als Drittes nannte Ruelius das Vertrauen. „Fürchtet euch nicht“: Das sei die Quintessenz des Evangeliums, mit diesen drei Worten lässt sich nach seiner Überzeugung das gesamte Evangelium zusammenfassen. Es sei die Art und Weise, „wie wir in der Welt sein sollen.“ Es gelte für das, „was wir nach außen tragen und für das, was wir nach innen erleben sollen“, es gelte im Leben und im Sterben.

Soziale Gerechtigkeit, Umweltschutz und Kirchenentwicklung

Dass die  Stadtversammlung der Katholiken, zu deren Vorsitzenden er im vergangenen Jahr gewählt worden ist, ganz konkret aktiv ist und allerhand vorhat, davon handelte der letzte Teil des Vortrags. Akzente setzen will das Gremium durch Aktionen und Äußerungen auf vier Feldern: Soziale Gerechtigkeit, Entwicklung der Kirche in bewegten Zeiten, Klima- und Umweltschutz und Sichtbarkeit. Wenn es um Armutsbekämpfung, Wohnungsnot, Schaffung bezahlbaren Wohnraums gehe, könne die Kirche durchaus mithelfen, eigene Ideen generieren und an die Verantwortlichen appellieren. In Sachen Umweltschutz gibt es unter anderem Planungen, sich an dem Jahr des Wassers zu beteiligen, das 2022 in Wiesbaden begangen wird. 

In puncto Kirchenentwicklung steht bei der Vertretung der Wiesbadener Katholiken ganz offensichtlich Pragmatismus und Zuversicht obenan: Es gehe nicht darum, „wie wickeln wir ab, wo leben wir noch aus dem Reduzierten“, sondern „was machen wir aus dem, was jetzt da ist“, sagte Ruelius, der diesen Teil seines Vortrags unter die Schlagworte "Gemeinsames Ziel: Gemeinsame Sache machen und vorankommen." gestellt hatte. Zum Abschluss führte er noch einmal die jungen Lebensretter mit dem aufgedruckten Logo ihrer Rettungsschule an: „Wenn Kirche so etwas ist, dann ist sie schon gut unterwegs.“

© Peter-Felix RueliusNa dann: Los!

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