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Ein langer Weg zurück

Einblicke in die Strukturen der in Frankfurt aktiven Neureligion Shincheonji
Ein langer Weg zurück
Ein langer Weg zurück
Dr. Johannes Lorenz vom Bistum Limburg (links) und sein evangelischer Kollege Pfarrer Oliver Koch arbeiten bei Fragen wie dem Umgang mit Shincheonji eng zusammen. © Bistum Limburg

Es beginnt mit einem vermeintlich zufälligen Gespräch auf der Straße oder am Telefon – und bestimmt schon bald das ganze Leben: Die südkoreanische Neureligion Shincheonji wirbt massiv neue Mitglieder an. Das Fatale: Diejenigen, die auf unterschiedlichen Wegen in die verwobenen Strukturen von Shincheonji geraten, bemerken es oft nicht einmal. Das berichten Pfarrer Oliver Koch, Referent für Weltanschauungsfragen im Zentrum Oekumene, und Dr. Johannes Lorenz, Beauftragter für Weltanschauungsfragen des Bistums Limburg. Beide sprechen bewusst von „Neureligion“ und nicht von „Sekte“, da es ihnen wichtig ist, religiöse Sondergemeinschaften nicht zu diffamieren. Shincheonji sei im Kontext christlicher Sondergemeinschaften eine Neureligion, weil sie innerhalb der letzten 100 Jahre gegründet wurde.

Ihre Missionierung neuer Mitglieder betreibt die Gruppe größtenteils verdeckt. Kritische Gespräche zu führen ist nahezu unmöglich.  Die beiden in der Frankfurt sitzenden Weltanschauungsbeauftragten haben bereits mehrfach versucht, Kontakt zum Frankfurter Simon Stamm der Neureligion aufzunehmen; bislang vergeblich. Im Mittelpunkt des Glaubens steht eine Neuoffenbarung; Gründer Man-Hee Lees Anspruch ist es, die zwölf Stämme Israels zu versammeln, um die Welt aufs Jüngste Gericht vorzubereiten. Dabei agiert Shincheonji auf zwei Ebenen: Einerseits durch offene Werbung mit Logo auf Flyern, Internetseiten und YouTube-Kanälen, andererseits durch Tarnung und Täuschung. Es gibt Tarnorganisationen wie Friedensorganisationen, Gruppen für Frauengerechtigkeit und Jugendorganisationen, die nach außen hin behaupten, unabhängig zu sein, deren Vorsitzender aber zugleich der Shincheonji-Gründer ist.

Dramatische Beratungsfälle

In Frankfurt hat die Gruppe eigenen Angaben zufolge rund 500 aktive Mitglieder. Wie aktiv Shincheonji in Frankfurt ist, sehen Koch und Lorenz an der steigenden Zahl von Betroffenen und Angehörigen, die in ihre Sprechstunden kommen und Rat suchen. Vorwiegend seien die Mitglieder (und Aussteiger) junge Menschen. Oliver Koch berichtet, er habe allein in diesem Jahr bereits 47 Beratungsanfragen von Aussteigern und Angehörigen zu Shincheonji gehabt, dieses Level sei seit drei Jahren konstant hoch. Johannes Lorenz hatte 2021 bisher 15 Beratungsanfragen, deutlich mehr als in den Vorjahren.

„Uns fällt besonders auf, dass es sich um Beratungsfälle mit dramatischen Hintergründen handelt“, berichtet Oliver Koch. Denn Shincheonji-Mitglieder brechen andere Beziehungen außerhalb der Religionsgemeinschaft ab und sind bald nur noch mit ihrer Neureligion beschäftigt, oft viele Stunden täglich. Dazu verstricken sie sich in bewusst heraufbeschworenen Ängsten vor der Rache Gottes und Höllenstrafe. Psychische Probleme sind nicht selten.

„Ich wollte nur helfen“

Das zeigt auch der Bericht einer Aussteigerin aus dem Rhein-Main-Gebiet, die weder ihren Namen noch ihr Alter nennen möchte. Sie kam im Sommer 2017 auf der Zeil mit einem Shincheonji-Missionar ins Gespräch, der vorgab, Theologie zu studieren. Er erzählte, er habe mit einem Kommilitonen eine Vortragsreihe erarbeitet. Ob sie sich den Vortrag wohl mal anhören und ihm Feedback geben könnte? Die Frau, bis dato evangelisch, regelmäßige Kirchgängerin und Bibelleserin, stimmte zu, denn sie wollte dem sympathischen jungen Mann helfen.

Also traf sie sich mit den Studenten in einem Café. 40 Minuten lang hörte sie sich den Vortrag an,  zu dem auch andere „Testhörer“ gekommen waren – die, wie sie später erfuhr, aber nicht zufällig da waren. In Wirklichkeit handelte es sich um Shincheonji-Mitglieder, die eine Rolle vorspielten, um die Frau gezielt zu beobachten und zu beeinflussen. In der Sprache der Neureligion nennt man diese Mitglieder „Blätter“, die Neulinge sind die „Früchte“.

Ihr erstes Treffen mit den vermeintlichen Studenten wirkte auf die Frau normal und nicht bedrohlich. Der 40-minütige Vortrag sei zwar interessant gewesen, habe ihr aber nichts Neues vermittelt, erinnert sie sich. Daraufhin habe der Student sie eingeladen, bei einem anderen Vortrag dabei zu sein, der mehr in die Tiefe gehe.

Auf der Suche nach Antworten

Fünf oder sechs solcher Treffen im Café gab es, bevor die Frau schließlich erstmals ins Shincheonji-Center in Frankfurt kam. Sechs Monate „Indoktrinierung“, wie sie es selbst nennt, später war sie Mitglied der Gemeinde, des Simon Stammes. „Ich fühlte mich gut – draußen war es hektisch, doch innerhalb der Gruppe waren alle sehr nett und ich fühlte mich sicher“, beschreibt sie. Die Lehre sei ihr sehr logisch erschienen: „Das war ansprechend, denn ich habe mir schon lange gewünscht, die Bibel besser zu verstehen. Und hier gab es Antworten.“

    Als ich sagte, ich wolle aussteigen, wurde ich beschuldigt, selbst das Problem zu sein, angeschrien, als egoistisch und geisteskrank beschimpft, sogar lauthals ausgelacht.

    Bericht einer Aussteigerin aus Shincheonji

    Doch je länger sie dabei war, desto zeitintensiver wurde die Zugehörigkeit zu Shincheonji. Bald stand sie selbst in der Fußgängerzone, sprach Menschen an und führte Gespräche im Center. Sechs Tage die Woche war sie eingespannt, stand morgens um sechs auf und ging nachts um eins ins Bett. Ihre Familie wurde misstrauisch, doch die Frau log sie an, sagte, sie sei neues Mitglied in einem ökumenischen Bibelcenter. Ihr blieb immer weniger Zeit für anderes. Predigten mussten nach dem Gottesdienst immer und immer wieder angehört und schließlich zusammengefasst werden, es gab Hausaufgaben und Tests und immer sehr viel auswendig zu lernen – heute glaubt sie, dass die ständige Beschäftigung auch dazu dienen sollte, ein Nachdenken über das Gesehene zu verhindern.

    Depression und tägliche Suizidgedanken

    Die Überlastung führte zu psychischen Problemen und schließlich zu Suizidgedanken. Dazu kamen Höllendrohungen – und ein beängstigendes Gottesbild, unter dem sie sehr litt. Versuchte sie, einen Gang zurückzuschalten oder war mal kurzfristig nicht erreichbar, hagelte es Vorwürfe, sie würde sich Gott verweigern. Die psychischen Probleme wurden schlimmer. „Ein Jahr lang habe ich jeden Tag daran gedacht, mich umzubringen“, sagt die Frau. Sie versuchte, ihre Überforderung in der Religionsgruppe anzusprechen, wusste aber zugleich, dass jedes vermeintlich vertrauliche Gespräch protokolliert und öffentlich gemacht wurde.

    Sie entschloss sich, auszusteigen. Doch Manipulationen, Lügen, Drohungen schienen dies unmöglich zu machen. Als sie deutlich sagte, dass sie gehen wolle, waren die Reaktionen schockierend: „Ich wurde beschuldigt, selbst das Problem zu sein, angeschrien, als egoistisch und geisteskrank beschimpft, sogar lauthals ausgelacht“, erzählt sie.

    Dazu immer die Angst, den Zorn Gottes auf sich zu ziehen und den „rechten Pfad“ zu verlassen, dem Teufel in die Hände zu fallen. „Aussteiger haben typischerweise tiefsitzende Ängste vor dem Endgericht, da sie anfangs einen lebenslangen Treue-Vertrag unterschreiben, den sie dann brechen“, sagt Pfarrer Oliver Koch. „Shincheonji-Anhänger sind davon überzeugt, die Wahrheit zu erkennen, während die Welt jenseits dieser Überzeugung als ,Babylon‘ empfunden wird. Aus dieser vermeintlichen Wahrheit auszutreten erfordert Mut.“

    Psychiatrische Ambulanz hilft

    Schließlich kam sie dem Ausstieg näher, als sie nach langer Wartezeit einen Termin in der Psychiatrischen Institutsambulanz Höchst bekam. Auch dorthin wurde sie von einem Shincheonji-Mitglied begleitet, das ihr drohte, sie dürfe den Ärzten im Gespräch nichts über Shincheonji oder den Grund für ihre Depressionen erzählen. Tatsächlich verschwieg sie diesen großen Teil ihres Leidens zunächst – bis es nicht mehr anders ging und sie sich entschied, die Wahrheit zu sagen. Sie erhielt Hilfe, der Bruch gelang. Heute möchte sie anderen Betroffenen Mut machen, indem sie ihre Geschichte erzählt.

    Die Weltanschauungsbeauftragten Koch und Lorenz haben sich entschieden, mit dem Thema an die Öffentlichkeit zu gehen, um auf die Gefahren aufmerksam zu machen. Übrigens auch ihre Kolleginnen und Kollegen, denn die Neureligion wirbt proaktiv und aggressiv auch um Neumitglieder aus dem Umfeld von katholischen und evangelischen Pfarreien sowie Freikirchen, unter anderem durch Einladungen zu Pastoralseminaren. Lorenz weiß von 30 bis 35 Anrufen bei Pastoralen in Frankfurt und Rhein-Main, zum Teil auch auf Privatnummern. „Wir möchten dazu beitragen, die Menschen zu sensibilisieren“, sagen Koch und Lorenz. Deshalb begrüßen sie es auch, dass zwei Shincheonji-Aussteiger nun einen Podcast gestartet haben, in dem sie über ihre Erlebnisse berichten.

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