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Ein Licht geht um die Welt

Gedenken an verstorbene Kinder: Interview zum Worldwide Candle Lighting Day
Ein Licht geht um die Welt
Ein Licht geht um die Welt
© Familienbildungsstätte

LIMBURG.- Am 2. Sonntag im Dezember ist der weltweite Gedenktag für verstorbene Kinder, der so gennante Worldwide Candle Lighting Day. Um 19 Uhr stellen weltweit Betroffene Kerzen in die Fenster. Während die Kerzen in der einen Zeitzone erlöschen, werden sie in der nächsten entzündet, so dass eine Lichterwelle 24 Stunden die Welt umringt. Das Kerzenlicht soll dafür stehen, dass die verstorbenen Kinder das Leben erhellt haben und dass sie nicht vergessen werden. Heike Margraf von der Familienbildungsstätte im Bistum Limburg begleitet seit vielen Jahren Familien, die ein Kind früh verloren haben. Im Interview erzählt sie, was trauernde Eltern brauchen und worum es bei dem Gedenktag geht.

FRAGE: Was brauchen die trauernden Eltern?

MARGRAF: Eine Totgeburt, eine Fehlgeburt, das zählt zu den besonders schwer zu verarbeitenden Verlusten. Für dieses zu früh verstorbene Leben, das die Umwelt noch nicht wahrgenommen hat, gibt es meistens keine gesellschaftliche Anerkennung oder Würdigung in Form von Ritualen. Eltern wollen in Ihrer Trauer verstanden werden, denn das fehlt vielfach, dass die Trauer, auch um ein so kleines, zartes und erst beginnendes Leben riesengroß ist. Gute Hoffnung - die jäh zerbricht.

Insbesondere Eltern die eine glücklose Schwangerschaft erlebt haben, brauchen heilende Rituale. Rituale geben Halt, Orientierung, schaffen Gemeinschaft unter Gleichgesinnten, schaffen etwas Besonderes zu würdigen, helfen uns Übergänge in eine andere Daseinsebene zu gestalten, verbinden uns mit Gott. Sie stärken das Selbstvertrauen in die eigenen Kompetenzen. Durch Symbole in rituellen Handlungen können wir etwas bewusst machen, dass durch Sprache nicht möglich ist; denn die Seele denkt in Bildern. Rituale machen die Seele und den Geist weit für besondere Daseinserfahrungen.

Wie wichtig ist für die Eltern und auch für die ganze Familie ein solcher Gedenktag? Ist ein Gedenktag auch ein „Ort“, ein „Symbol“ zum Trauern?

MARGRAF: Ein Gedenkgottesdienst bietet solch eine Möglichkeit. Mit christlich rituellen Handlungen und Symbolen, und auch mit einem Segen, können im Gottesdienst diese Erfahrungen transportiert werden. Die Kirche kann ein besonderer (Gottes)Ort sein. Rituelle Handlungen und Symbole sind wichtig für die gesamte Familie: Eltern, Geschwister, Großeltern,-  aber auch Freunde und die Gemeinde. Denn Sie trauern ja auch und brauchen und suchen nach Formen des Ausdrucks ihrer Trauer, die in Form dieser rituellen Handlungen übertragen werden. Und sie suchen nach Segen und Behütet-sein.

Besonders schwierig wird die Bewältigung dieses Verlustes, wenn besondere Tage herannahen, die man nun das erste Mal ohne das verstorbene Kind gestalten muss. Geburtstage ohne die geliebte Schwester, Ostern ohne den kleinen Bruder, diese eigentlich freudigen Anlässe können sehr traurig werden. Und die besinnliche Vorweihnachtszeit ist vielleicht eine der schwersten Hürden, die die Familien bewältigen müssen. Deshalb wurde vor vielen Jahren der Worldwide Candle Lighting Day ins Leben gerufen, dem sich viele Kirchen, mit eigenen, Gedenkgottesdiensten und anderen Formen an diesem Tag, anschlossen. Es tröstet trauernde Eltern, dass sie sich in der Gemeinschaft mit anderen Menschen, die ein gleiches oder ähnliches  Schicksal erlebt haben, an Gott wenden und ihre Klage, Trauer aber auch Hoffnung, im gottesdienstlichen Ritual vortragen können und Trost erfahren. Immer wieder und hier ganz besonders. Die gemeinsame Erfahrung ist verbindend und stärkt. Eine Kerze um 19 Uhr anzuzünden, für jedes verstorbene Kind, egal wie früh es verstarb, wurde als weltumfassendes Symbol dieses Worldwide Candle Lighting Day aufgegriffen. Ein Licht geht um die Welt, egal welcher ethnischen oder religiösen Herkunft man zugehörig ist. Ein Licht spricht für sich – in vielen Religionen ist es das Symbol für Hoffnung.

Wichtig ist ganz klar das Gedenken, aber darüber hinaus begleiten Sie ja auch ganz konkret hier im Bistum trauernde Eltern und Familien bei Ihrer Trauerarbeit. Wie sieht das aus?

MARGRAF: Vierteljährlich gestalten wir mit der Klinikseelsorge des St. Vincenz Krankenhauses Limburg und dem Herz Jesu Krankenhaus in Dernbach Trauergottesdienste für kürzlich verstorbenen Sternenkinder, die anschließend im Sternenkindergräberfeld auf dem Limburger Hauptfriedhof beigesetzt werden. Mit der Möglichkeit einer Namensplatte für das verstorbene Kind erinnern wir nicht nur, sondern wirken der gesellschaftlichen Nicht-Anerkennung des Verlustes entgegen. Das gestorbene Kind hat einen würdigen Ort, und einen Namen bei Gott „denn ich habe dich bei deinem Namen gerufen….“(Jesaja 43,1).  Dazu werden die Eltern mit einen Infoschreiben aufmerksam gemacht und bei der Beerdigung selbst auch noch einmal. Nicht selten haben Eltern ja bereits einen Namen für das Ungeborene, aber es besteht große Scheu davor, einem Kind, das in den ersten Schwangerschaftswochen verstorben ist, einen Namen zu geben; manchmal, weil das Umfeld darauf verständnislos reagiert. Seit 2013 können Eltern diese Kinder auch ins Personenstandsregister eintragen lassen. Diese Möglichkeit haben auch Eltern, deren Sternenkind bereits vor dem Inkrafttreten dieser Regelung nicht lebend zur Welt gekommen ist

Eltern können zudem Ihre verstorbenen Kinder bei uns melden; dann kommen sie auf einegemeinsame Todesanzeige. Sie können, vielleicht zum ersten Mal, die Existenz ihres Kindes, seine Geburt und Tod, seinen Namen öffentlich machen und somit wird deutlich, das auch früh verwaiste Eltern ein Anrecht auf Trauer haben. Sie brechen das Tabu, die Sprachlosigkeit und Leugnung bei frühem Tod eines Kindes.

Und natürlich biete ich Clearinggespräche und verweise auf Wunsch an andere Beratungsstellen und an Seelsorger.

Gebet

Gott,

schmerzlich entbehre ich,

das Kind /die Kinder, die mir genommen,

Immer wieder weine ich,

und doch spüre ich,

dass es ruhiger wird in mir.

Eine stille Dankbarkeit

beginnt leise zu wachsen

auf dem Grunde meiner Tränen.

Ich weiß -

es wird nie mehr so sein,

wie es war.

Aber das Schöne, die Erinnerung,

und sei sie noch so winzig und zart,

kann mir niemand rauben.

Ich werde ein verwundeter Mensch bleiben.

Aber ich ahne auch

und möchte darauf vertrauen,

dass ich eines Tages

über die Klage, den Schmerz,

das Leid hinauswachsen werde.

Du verheißungsvoller Gott,

lass uns erfahren, dass du unsere Trauer in Zuversicht verwandelst.

Sei du Gott unseren Kindern nahe, gib ihnen Licht, Frieden, Wärme und Liebe.

Sei du mit uns am Abend und am Morgen, und jeden neuen Tag, damit wir unsere Wege getrost gehen und wieder ins Leben zurückfinden.

Amen.