Kategorien &
Plattformen

Ein Märtyrer der Nächstenliebe im KZ

Das Leben von Geistlichen wie Pater Henkes im Dachauer Konzentrationslager
Ein Märtyrer der Nächstenliebe im KZ
Ein Märtyrer der Nächstenliebe im KZ
Mehr als 200.000 Häftlingen, darunter 2.700 Geistliche, mussten im Konzentrationslager in Dachau Zwangsarbeit unter menschenunwürdigen Bedingungen leisten. © Bistum Limnurg, Anna Parschan

ZwischenAlbtraum und grausamer Realität: Zu Zeiten, in denen das Hakenkreuz in Deutschland nicht wegzudenken war und Hitler seine nationalsozialistische Ideologie verbreitete, litten tausende Menschen in Konzentrationslagern, weil sie dem Rassenwahn der Nazis nicht entsprachen. Eines dieser Lager wurde nur wenige Woche nach Hitlers Machtergreifung 1933 im März in Dachau bei München zur Inhaftierung politischer Gegner errichtet. Bis zur Befreiung durch US-Soldaten 1945 wurden mehr als 200.000 Menschen dorthin deportiert, darunter rund 2.700 Geistliche, mehrheitlich aus Polen. Jeder fünfte Häftling starb in Dachau. Isoliert von allen anderen Häftlingen wurden die Geistlichen in den sogenannten Priesterbaracken 26, 28 oder 30 untergebracht. Einer von ihnen war Pater Richard Henkes, der für sein Glaubenszeugnis und Wirken im KZ im September im Bistum Limburg seliggesprochen wird.

Henkes` Weg nach Dachau

Seine Stimme gegen den Nationalsozialismus erheben und sich nicht mundtot machen lassen: Das war Henkes zweite Berufung neben dem Priestertum. Im Bewusstsein um die Konsequenzen ließ sich Henkes die religiöse Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Ideologie nicht verbieten, was ihn im April 1943 die Freiheit kostete. Bereits 1937 war Henkes wegen angeblicher Verunglimpfung des Führers in einer Predigt bei der Gestapo angezeigt worden. Aufgrund einer regimekritischen Predigt in der Pfarrkirche von Branitz (Cottbus) wurde Henkes im April 1943 von der Gestapo schlussendlich verhaftet und nach wochenlanger Einzelhaft in das KZ Dachau gebracht. Als Häftling Nr. 49642 wurde er zu menschenunwürdigen Arbeiten gezwungen. Zunächst arbeitete er auf der Plantage, einer großen Kräutergartenanlage der SS, im Postkommando und später vermutlich auch im Transportkommando und zum Ende der Zeit 1944 auch als Kantineur, der für die Verteilung des Essens in einem Block zuständig war, auf der Zugangsbaracke 17.

© Bistum Limburg, Anna Parschan Auf dem Gelände des KZs wird neben dem alten und neuen Krematorium an die schrecklichen Massenmorde erinnert.
© Bistum Limburg, Anna Parschan Auf dem Gelände des KZs wird neben dem alten und neuen Krematorium an die schrecklichen Massenmorde erinnert.

Das Leben Geistlicher im KZ

Geistliche wurden im KZ zu allen möglichen Arbeiten gezwungen, aufgrund ihrer Bildung jedoch oftmals für Verwaltungstätigkeiten eingesetzt. Überlebende Geistliche berichten von schikanösen Arbeiten, wie etwa Schneeschippen unter Zeitdruck ohne ausreichendes Werkzeug oder das Tragen von Suppenkübeln über gefrorene, glatte Wege. Wer ausrutschte, wurde mit Schlägen und Beschimpfungen bestraft. „Die Häftlinge, die deshalb an diesem Tag keine Suppe bekamen, wurden von der SS gegen die Geistlichen aufgehetzt. Das war natürlich alles kalkuliert“, berichtet Pastoralreferent Ludwig Schmidinger, Bischöflicher Beauftragter für die KZ-Gedenkstätte Dachau und Leiter der katholischen Seelsorge. Auf Befehl und unter Zeitdruck mussten Geistliche zum Beispiel einen Viertelliter Wein auf nüchternen Magen austrinken. Wer das nicht schaffte, wurde geschlagen. Zudem ist erwiesen, dass Geistliche häufig medizinischen Versuchen unterzogen wurden.

Ihren Glauben konnten sie nur in heimlichen Gottesdiensten und in der Seelsorge ausleben. Ab Januar 1941 wurde im Block 26 eine Kapelle eingerichtet, die deutsche Geistliche nutzen durften. Den polnischen Geistlichen war der Zutritt zu der Kapelle verboten. „Die Gottesdienste waren eine enorme Quelle der Kraft und letztendlich auch der Widerstandsfähigkeit. Dafür sind sie auch früher aufgestanden, teils um 4 Uhr, um vor der Arbeit heimlich Gottesdienst zu feiern“, sagt Pastoralreferent Schmidinger. Sich das Ausleben des Glaubens nicht nehmen zu lassen und bei all dem Unrecht nicht dem Hass zu verfallen, zeuge von einem vorbildlichen Glauben – wie bei Pater Henkes. „In einigen Schriften heißt es: Hier habe ich gelernt, den Hass zu hassen. Er führt nicht weiter, sondern er führt nur die Spirale des Systems der NS weiter“, erklärt Schmidinger. Für einige Häftlinge sei der Glaube die einzige Hoffnung gewesen, andere hingegen ließ beispielsweise der Tod von Familienmitgliedern oder Freunden stark an Gott zweifeln. „Henkes ist ein Märtyrer und Zeuge seines Glaubens geworden, indem er seinen christlichen Glauben mit seinem Leben bezahlt hat“, ergänzt Schmidinger.

© Bistum Limburg, Anna ParschanDie katholische Todesangst-Christi-Kapelle (1960) ist eines der religiösen Gedenkorte im KZ Dachau.
© Bistum Limburg, Anna ParschanDie katholische Todesangst-Christi-Kapelle (1960) ist eines der religiösen Gedenkorte im KZ Dachau.

„Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben hingibt für seine Freunde.“

(Joh. 15,13)
© Bistum Limburg, Anna Parschan In Block 17 pflegte Pater Richard Henkes Typhuskranke frewillig.
© Bistum Limburg, Anna Parschan In Block 17 pflegte Pater Richard Henkes Typhuskranke frewillig.

Märtyrer der Nächstenliebe

Trotz der politischen Unterdrückung und des menschenunwürdigen Lebens war Henkes zutiefst geprägt von der Selbsthingabe Jesu. „Nur das eine hat noch Sinn: sich radikal dem Herrgott überantworten“, schrieb er im Jahr 1943 aus dem Gefängnis in Ratibor, kurz bevor er ins KZ gebracht wurde. Henkes' Handeln im KZ zeigt sein Glaubenszeugnis und demonstriert seine Hoffnung in Gott. Kurz vor Kriegsende, Ende 1944, brach im KZ Dachau die zweite große Typhusepidemie aus, eine Krankheit, die vor allem unter medizinisch schlechten Bedingungen mit hoher Wahrscheinlichkeit zum Tod führt. Betroffen war auch der Block 17, in dem Henkes als „Kantinenwirt“ und heimlicher Seelsorger arbeitete.

Nachdem diese Baracke aufgrund der Ansteckungsgefahr isoliert wurde, ließ sich Pater Henkes, noch ehe man Pfleger gesucht hatte, freiwillig mit den Typhuskranken einsperren, um den Menschen Beistand zu leisten. Im Februar 1944 wurden weitere freiwillige Pfleger gesucht, sodass schlussendlich rund 20 Geistliche im Block 17 arbeiteten. „Diese Pflege war keine Pflicht und jedem war klar, was auf ihn zukommt. Und trotzdem haben sich insgesamt 20 Ehrenamtliche gemeldet“, sagt Schmidinger. Dieses Handeln zeige die große Hoffnung. „Die frohe Botschaft besteht darin, dass einer für alle anderen ans Kreuz geht. Das ist das Evangelium, darin kommt Auferstehung zustande. Und ich glaube, das ist tatsächlich diese ganz grundsätzliche theologische Einsicht, die dazu geführt hat, dass Henkes so gehandelt hat, wie er es getan hat.“ Innerhalb weniger Wochen infizierte sich Henkes selbst mit Typhus. Er starb am 22. Februar 1945 kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Nur zwei dieser 20 Freiwilligen überlebten den Typhus.

Henkes Asche und Seligsprechung

Nach Henkes‘ Tod setzten sich der mitgefangene Pfarrer Richard Schneider und zehn deutsche pallottinische Mitbrüder für die Sicherung der Asche ein. „Zum Ende des Kriegs war es nicht mehr ganz so schwierig, Asche zu bergen, weil die SS-Leute weniger waren und diese vermieden haben, gerade Aufgaben wie das Verbrennen der Leichname im Krematorium zu übernehmen“, sagt Ludwig Schmidinger. Das Sezierbuch von Dachau und die Aussagen seiner Mitbrüder bestätigen auch eine religiöse Verabschiedungsfeier für Henkes und zwei polnische Priester. Am 7. Juni 1945 wurde die Asche von Henkes auf dem Pallottinerfriedhof in Limburg beigesetzt. Am 15. September wird Pater Richard Henkes als moderner Märtyrer für seine selbstlosen und christlichen Taten der Nächstenliebe seliggesprochen.

© Bistum Limburg, Anna Parschan Das ist ein Schlafbereich der Baracken, in dem regulär 50 Menschen untergebracht wurden.
© Bistum Limburg, Anna Parschan Das ist ein Schlafbereich der Baracken, in dem regulär 50 Menschen untergebracht wurden.
© Bistum Limburg, Anna Parschan Die Baracken von damals existieren nicht mehr, aber es gibt nachgebaute Baracken, die vergegenwärtigen, unter welchen menschenunwürdigen Bedingungen die Menschen dort untergebracht wurden.
© Bistum Limburg, Anna Parschan Dies ist ein Einblick in die evangelische Versöhnungskirche (1967), in der heute noch Gottesdienste gefeiert werden.
© Bistum Limburg, Anna Parschan Das kleine und große Krematorium diente dazu, die Leichname zu verbrennen.
© Bistum Limburg, Anna Parschan Neben dem Krematorium befinden sich einige Gräber, die den verstorbenen Menschen gedenken.

Henkes geistliche Lebensstationen:

1900: Geboren in Ruppach-Goldhausen im Westerwald

1912: Besuch des Studienheims der Pallottiner (Missionsschule und Internat) in Vallendar

1925: Priesterweihe in Limburg

1926 Lehrer an Pallottinernachwuchsschule in Schönstatt  und Alpen Niederrhein

1931: Lehrer an Pallottinerschule in Oberschlesien

1937: Lehrer in Frankenstein/ Schleisen,

1938: Jugendseelsorger und Exerzitienmeister Branitz

1941: Pfarrer in Strandorf (heute Tschechien)

1943: Inhaftierung im KZ Dachau

1945: Tod im KZ Dachau