Kategorien &
Plattformen

Erst Beziehung, dann Verständnis

Glauben kann man nicht anerziehen. Beim Fachtag Familienpastoral und Religionspädagogik erklärt eine Expertin, wie Kinder Gott begegnen.
Erst Beziehung, dann Verständnis
Erst Beziehung, dann Verständnis
Professorin Anna-Katharina Szagun bei ihrem Vortrag am Fachtag Familienpastoral und Religionspädagogik © Heiko Dörr/Bistum Limburg

Vor einem Gottesverständnis braucht es Gottesbeziehung. Das erklärt Professorin Anna-Katharina Szagun, emeritierte Religionspädagogin der Universität Rostock, beim ersten Fachtag Familienpastoral und Religionspädagogik. Zur Veranstaltung am Mittwoch, 16. Oktober, hatte die Fachstelle Familienpastoral im Bistum Limburg und das Religionspädagogischen Amt Wiesbaden-Rheingau-Untertaunus eingeladen.

 

Wie kommt Gott in Kinderköpfe?

Szagun sprach vor den 50 Teilnehmern des Fachtages über ihre Langzeitstudie zur Entwicklung von Gottesverständnis und Gottesbeziehung von Kindern, die in einem mehrheitlich konfessionslosen Kontext aufwachsen. „Nur wenn Kinder dem Geheimnis ‚GOTT‘ begegnen, können sich ihre Gottesbilder individuell entfalten und entwickeln“ sagt Szagun. Eine liebevolle Begleitung durch Bezugspersonen sei nötig. Dann gelingt gemeinsam eine „Expedition“ mit offenem Ausgang, bei der die Kinder Modelle von Beziehungen zu Gott angeboten und vorgelebt bekämen. So könne sich bei ihnen ein eigenes Gottesbild entwickeln.

 

© Heiko Dörr /Bistum Limburg

Kinderglaube funktioniert im Erwachsenenalter nicht

Vor ihren Zuhörer aus Schulen, Kindergärten und Kirchengemeinden plädierte Szagun dafür, vor allem bei kleinen Kindern auf vorgestanzte Gottesmetaphern wie „Vater“ oder „Heiliger Geist“ zu verzichten. Traditionelle Bilder für Gott, die für Erwachsene oft selbstverständlich seien, könnten Kinder verwirren und einseitige Gottesbilder verfestigen. Das könne dazu führen, dass Menschen zeitlebens auf der Stufe eines naiven Kinderglaubens stehen blieben. Dieses Modell sei im Erwachsenenalter nicht mehr tragfähig und führe nicht selten zu einer Abkehr vom Glauben. Eine Alternative zu finden sei elementare Aufgabe von Eltern und Religionspädagogen: Traditionelle Begriffe aus der antiken Lebenswelt der Bibel müssten gekonnt übersetzt und den Kinder in verständlicher Weise zugänglich gemacht werden. Dies sei eine Herausforderung für Katechese und Liturgie – aber auch eine Chance für die Begegnung mit anderen Religionen: auf einer elementar vereinfachten Ebene lassen sich leichter Gemeinsamkeiten finden.

© Anna-Katharina SzagunEine Materialcollage aus der Studie.

Fragen von Kindern sind Sternstunden

Für die Studie arbeitet Szagun mit der empirischen Methode der sogenannten Materialcollage. Die Kinder nähern sich dabei ihrer Vorstellung von Gott über Metaphern, die sie mit Lege- und Bastelmaterialien darstellen. Die Teilnehmer des Fachtages konnten die Methode nach einer Einführung in Kleingruppen ausprobieren. Sie lässt sich auch in der religionspädagogischen Praxis einfach anwenden. Tauchen dabei Fragen auf – und diese seien bei Kindern durchaus kritisch, so Szagun – seien dies Sternstunden für die Pädagogik. Werden die Fragen der Kinder konstruktiv aufgenommen, könne das helfen, dass die Kinder Glaubensinhalte existenziell verinnerlichten.

 

Neben ihrer Professur für Religionspädagogik war Szagun bis zu ihrer Emeritierung 2005 Beauftragte für Hochschuldidaktik an der Universität Rostock. Neben Forschung und Lehre war sie immer auch in der religionspädagogischen Praxis zu Hause. Für die Langzeitstudie hat das Team um Szagun 55 Kinder im Alter von 6 bis 17 Jahren über mehrere Jahre begleitet und deren Entwicklung im theologischen Denken erfasst. Die Methodologie und die vorläufigen Ergebnisse der Studie wurden erstmals 2004 einem Fachpublikum vorgestellt.