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Für mehr Frauen in Führungspositionen

Interview mit den Mentees Kerstin Angele und Sabine Müller-Wendt
Für mehr Frauen in Führungspositionen
Für mehr Frauen in Führungspositionen
Freuen sich, bei der zweiten Runde "Kirche im Mentoring" dabei zu sein: Auf dem Tandem: Dr. Beate Gilles und Generalvikar Wolfgang Rösch. Stehend: Stephan Menne, Juliane Schlaud-Wolf, Kerstin Angele, Sabine Müller-Wendt und Franz-Josef Straßner. © Bistum Limburg

„Kirche im Mentoring - Frauen steigen auf“: Für das Bistum Limburg sind Kerstin Angele und Sabine Müller-Wendt beim Mentoring-Programm des Hildegardis-Vereins dabei. Beide arbeiten im Dezernat Kinder, Jugend und Familie: Angele als Projektleiterin Personalmarketing katholische Kitas, Müller-Wendt als Referentin für Fort- und Weiterbildung im Bereich Kindertageseinrichtungen. Das Mentoring-Programm hat das Ziel, den Anteil von Frauen in kirchlichen Führungspositionen zu erhöhen. Es besteht aus insgesamt drei Präsenzveranstaltungen, einem Tandem mit einer Mentorin oder einem Mentor im eigenen Bistum und einer Projektarbeit. Gerade waren Angele und Müller-Wendt beim Halbzeit-Treffen in Berlin  – mit insgesamt knapp 20 Teilnehmerinnen aus verschiedenen Bistümern.

FRAGE: Wie war das Halbzeittreffen in Berlin?

Angele: Das Treffen war nach dem ersten Kennenlernen in Köln jetzt die zweite Präsenzveranstaltung des Programms. Sich inhaltlich fortzubilden aber auch der Austausch mit den anderen phantastischen Frauen aus dem gesamten Bundesgebiet über Fragestellungen, die sich mit Frauen in Führungspositionen beschäftigen, hat mir viel gegeben. Diesmal gab es zum Beispiel inhaltlich ein Training zu Macht- und Statusspielen und zur nötigen Statusflexibilität als Führungskraft.

Müller-Wendt: Auch ich fand den Austausch mit den anderen Mentees bereichernd. Das Netzwerk, das sich beim ersten Treffen angebahnt hat, hat sich bereits stabilisiert. Es ist schön zu wissen, „Verbündete“, die ähnliche Werte vertreten, auch in anderen Bistümer zu haben. Es ist erhellend zu erfahren, wie unterschiedlich die Strukturen mitunter in anderen Diözesen sind. Die Reflexion über Werte, über Führungswerte in den einzelnen Bistümern, war ein Element, was mich beschäftigt hat: Sich da ein Best-of rauszuziehen und sich selbst zu hinterfragen, das finde ich spannend. 

FRAGE: Was können Sie nach einem guten halben Jahr über das Programm sagen? Wie fällt Ihre Halbzeit-Bilanz aus?

Müller-Wendt: Für mich ist das ein sehr wertvolles Programm, es stößt mich in meinem Denken und Handeln an. Ich hinterfrage mich und mein Agieren noch einmal viel mehr. Gerade die Projektarbeit, über die wir gleich noch sprechen, erfordert viel Raum. Die Begleitung durch einen Mentoren ist ein wertvoller Aspekt, den es in dieser Art in einer anderen Fortbildung sicher nicht geben würde. Das ist das Besondere an diesem Programm.

Angele: Für mich war es ein rasendes halbes Jahr. Im Mai die Vorstellungsgespräche, dann ging es im Juni direkt los. Ich hatte sehr gute Gespräche mit meiner Mentorin (Juliane Schlaud-Wolf), weil ich merke, dass ich vieles in meinen Berufsalltag übertragen kann. Zudem habe ich mich im letzten halben Jahr intensiv mit dem Thema Frauen in Führung auseinandergesetzt und bin dadurch weiterhin überzeugt, dass es wertvoll und wichtig für alle Geschlechter ist. Dabei ist es bemerkenswert, dass die Quote bei Kirche noch schlechter ist als in der Wirtschaft.

Müller-Wendt: Dazu kann ich gerade noch ergänzen, dass hierzu das Halbzeit-Gespräch mit dem Generalvikar gewinnbringend war. Wir haben ganz konkret über die Frage gesprochen, was es für eine Institution bedeutet, mehr Frauen in Führungspositionen haben zu wollen. Was für Rahmenbedingungen – auch für Männer – geschaffen werden müssen, um Kinderbetreuung oder Pflege von Angehörigen familiär gerechter zu verteilen. Es geht also um Familienfreundlichkeit im Ganzen.

Angele: Ja, man muss darüber nachdenken, welche Rahmenbedingungen sich verändern müssen, um junge Frauen im 21. Jahrhundert für eine Führungsposition in der Kirche zu gewinnen. Und dabei muss ein Gleichgewicht entstehen: die „Waage“ müsste zugunsten der Frauen, die laut Studien immer noch den Großteil der Familien- und Hausarbeit leisten, austariert werden.

Von links: Mentorin Juliane Schlaud-Wolf mit Kerstin Angele und Sabine Müller-Wendt mit Mentor Franz-Josef Straßner.

FRAGE: Sie haben beide schon Ihre Mentoren erwähnt. Das sind Juliane Schlaud-Wolf, Leiterin des Amts für Religionspädagogik im Taunus, und Franz-Josef Straßner, Abteilungsleiter Religionsunterricht im Bischöflichen Ordinariat. Mit ihnen zusammen bilden sie jeweils ein Tandem. Wie wesentlich ist dieser Teil des Programms und wie kann man sich das vorstellen?

Angele: Meiner Meinung nach ist das das Kernstück des Programms. Einmal im Monat treffen wir uns, im Vorfeld bringe ich Themen ein. Diese können ganz unterschiedlich sein, zum Beispiel praktische Fragen über Führung oder Fragestellungen für ein Coaching. Dabei kann ich von Frau Schlaud-Wolfs Erfahrungen lernen. Darüber hinaus öffnet das Tandem Türen. Meine Mentorin eröffnet mir ein Netzwerk, zum Beispiel wenn ich sie auf Veranstaltungen begleite. Insgesamt stärkt sie mir den Rücken und ist mir ein positives Vorbild.

Müller-Wendt: Das Mentoring erlebe ich als Bereicherung, gerade auch wenn ich den Mentor zu Terminen begleiten kann, zumal ich so gleichzeitig mein Netzwerk erweitern kann. Im Anschluss reflektieren wir gemeinsam die Termine im Hinblick auf Führungsverhalten. Im kommenden Halbjahr soll es nun umgekehrt sein. Dann wird Herr Straßner mich zu Terminen begleiten und wir werden meinen Führungsstil reflektieren.

FRAGE: Mit dem Programm verbunden ist eine Projektarbeit. An welchem Projekt arbeiten Sie?

Müller-Wendt: „Demokratie aus dem Koffer“ heißt mein Projekt. Im Untertitel: "Kirche in gesellschaftlicher Verantwortung –Demokratie stärken, Kinder- und Menschenrechte im Fokus". In diesem Koffer sind Handreichungen zu Demokratiepädagogik und Kinderrechten in der Kita. Hintergrund ist eine  spürbare Zunahme rechtspopulistischer Tendenzen in der Gesellschaft. Auch in der Kita gibt es manchmal Irritationen, hier setzt die Projektarbeit an: Der Koffer bietet praktische Informationen und  unmittelbar durchführbare Methoden mit  Materialien für die Arbeit mit Kindern, Eltern und dem Team. So sind im Idealfall alle in einer katholischen Kita sprachfähig und sicher gegenüber Diskriminierung und erleben positiv die Selbstwirksamkeit im Rahmen gelingender Partizipation. Vorgestellt wird mein Projekt im Rahmen eines Fachtages am 4. April in Wiesbaden-Naurod.

Angele: Mein Projekt heißt „Mehr als ein Job – Begleitprogramm für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Ausbildung, Praktikum und Freiwilligendienst“. Der Titel ist eine bewusste Anlehnung an „Mehr als du siehst“, das Leitwort der Kirchenentwicklung im Bistum. Denn auch die Arbeit in einer katholischen Kita ist mit so viel „Mehr“ gefüllt, als die Stellenbeschreibung hergibt. Durch das Begleitprogramm sollen Auszubildende, Praktikantinnen und FSJlerinnen schon sehr früh das „Mehr“ durch Präsenzveranstaltungen in kleinen Gruppen mit inhaltlichen Schwerpunkten erleben. Außerdem unterstützt das Programm die eigene Karriereplanung in den katholischen Kitas. Für die Einrichtungen wird ein Handbuch entwickelt. Darin wird in der Vielfalt der heutigen Ausbildungs-, Studiums- und Praktikumsformen Orientierung angeboten. Für das Mentoring-Programm konzentriere ich mich, mit einem Projektteam, bis Juni auf die Konzeption, um dann im Ausbildungsjahr 19/20 bis zu 80 Auszubildende in Frankfurt mit dem Programm zu erreichen.

FRAGE: Was erhoffen Sie sich von dem Programm für sich persönlich, aber vielleicht auch allgemein für Strukturen in der Kirche?

Angele: Persönlich erhoffe ich mir, dass ich meine Selbstreflexions- und Vernetzungschancen genutzt habe, wenn das Programm endet. Ich fühle mich durch die Teilnahme wertgeschätzt. Gleichzeitig stelle ich mir die vielen kompetenten Frauen in Kirche vor, die nicht gefördert werden, die zum Beispiel nicht für die Teilnahme an diesem Programm ausgewählt wurden. Braucht es da nicht andere Strukturen? Wie schafft Kirche eine Balance zwischen männlich und weiblich besetzten Führungspositionen? Braucht es nicht eine individuelle und strategische Personalentwicklung? Auch müssten andere Instrumente für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gefunden werden. Hier könnte ich mir sinnvolle Teilzeitmodelle sowohl für Männer als auch Frauen in Führung vorstellen. Als drittes sehe ich, dass die Kirche, das Bistum Limburg, als Arbeitgeber sichtbarer werden und besser über Karrierewege informieren sollte.

Müller-Wendt: Ja, es geht nicht nur um Kirche, es ist vielmehr eine gesamtgesellschaftliche Fragestellung. Die Perspektive ist sicherlich, mehr Frauen in Führungspositionen zu haben, aber es fehlen uns Bilder dafür. Das erschwert zum einen, dass sich Frauen auf solche Stellen bewerben, zum anderen erschwert es, Frauen auf solche Stellen zu setzen, sie einzustellen. Auch ich habe da noch keine Lösung parat. In diesem Zusammenhang kann man sich – zumindest für Kirche – den Titel des Programms anschauen: „Kirche im Mentoring“. Ich fände es schön, wenn nicht nur die Teilnehmerinnen sich als Mentees auf den Weg machten, sondern auch Kirche sich ins Mentoring begibt. Das heißt, ich würde mich freuen, wenn Kirche sich selbst auch als Mentee begreifen würde. Dass sich nicht nur die Mentees entwickeln und hinterfragen, sondern Kirche selbst. Ermutigend finde ich die Worte Kardinal Marx', der im Rahmen dieses Programms gesagt hatte, die Kirche wäre verrückt, wenn sie auf die Kompetenzen von Frauen verzichten würde.

Hildegardis-Verein und DBK machen sich für Frauen stark

Das Programm "Kirche im Mentoring – Frauen steigen auf" wird seit 2016 vom Hildegardis-Verein, der sich seit über 110 Jahren für die akademische Aus- und Weiterbildung von jungen Katholikinnen einsetzt, in Zusammenarbeit mit der Deutschen Bischofskonferenz organisiert. Zum Programm gehören Seminare und der Austausch zwischen den jeweiligen Tandempartnern. Die Mentees bringen zudem ein Projekt ein, das sie innerhalb des Jahres umsetzen.

Das Bistum Limburg macht seit 2016 mit. Koordiniert wird das Programm auf Seiten des Bistums von Dr. Beate Gilles und Stephan Menne, die zugleich in der überdiözesanen Steuerungsgruppe sind.

Mehr zum Mentoring-Programm gibt es auf der Seite: www.kirche-im-mentoring.de.