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Große Veränderungen für Gläubige im Usinger Land

Pfarrei präsentiert Ergebnisse aus dem Projekt Kirchliche Immobilien Strategie
Große Veränderungen für Gläubige im Usinger Land
Große Veränderungen für Gläubige im Usinger Land
© St. Laurentius Usingen (Foto: Dr. Christoph Holzbach)

Die Pfarrei St. Franziskus und Klara will aktiv die Zukunft und Entwicklung der Seelsorge im Usinger Land gestalten. Dies wird mit großen Veränderungen und Einschnitten für die mehr als 11.000 Katholiken in den elf Kirchorten der Pfarrei verbunden sein. Nach einer externen Erfassung aller 39 Immobilien der Pfarrei im Rahmen eines bistumsweiten Projektes (KIS-Kirchliche Immobilien Strategie) steht bereits fest, dass Kirchen und kirchliche Gebäude in den kommenden Jahren geschlossen und aufgegeben werden. Die Ergebnisse der Analyse des Projektes und eine entsprechende Handlungsempfehlung sind am Mittwoch, 9. September, in der Kirche St. Marien in Neu-Anspach Vertretern des Pfarrgemeinde- und Verwaltungsrates, der Ortsausschüsse sowie dem Pastoralteam vorgestellt worden. 

Ergebnisse sind schwere Kost

„Was wir heute hören, ist schwer verdauliche Kost, die nicht allen schmecken wird. Doch wir müssen uns der Frage stellen, für wen wir in unserer Pfarrei da sind und was wir im Jahr 2030 als Kirche im Usinger Land brauchen, um unserem Auftrag in der Gesellschaft gerecht werden zu können. Und wir müssen uns fragen, was pastoral notwendig, sinnvoll und finanzierbar ist“, erklärte Pfarrer Paul Lawatsch. Es gelte gemeinsam pastorale Ziele zu entwickeln und sich weiter um die Nähe zu Gott und zu den Menschen zu bemühen. „Wir müssen jetzt aktiv die Zukunft unserer Pfarrei gestalten. Wir dürfen nicht passiv werden und uns die Entscheidungen, die nun zu treffen sind, nicht von anderen abnehmen lassen“, appellierte der Seelsorger. 

Die Zahlen, die die externe Analyse ergeben haben, sind sehr ernüchternd. „Bei den 39 Gebäuden der Pfarrei an elf Kirchorten ist mit Blick auf die kommenden zehn Jahre ein Instandhaltungsstau von mindestens 6,1 Millionen Euro prognostiziert worden“, erklärte Xenia Taubmann, Architektin und Mitarbeiterin im KIS-Projekt des Bischöflichen Ordinariats in Limburg. Zudem sei eine Finanzplanung für die Pfarrei mit Blick auf die kommenden sechs Jahre erstellt worden. „Die freien Liquiditätsmittel der Pfarrei werden dann mit einem Minus von 1,4 Millionen Euro mehr als defizitär“, so Taubmann. Neben dieser wirtschaftlichen Entwicklung war auch die pastorale Entwicklung bei der Analyse im Blick. „In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Zahl der Gottesdienstteilnehmenden halbiert. Im Jahr 2000 sind noch elf Prozent der Gläubigen in den Gottesdienst gegangen, heute sind es noch sieben Prozent. In den kommenden zehn Jahren wird sich diese Zahl ebenfalls halbieren“, sagte Jonas Bechtold vom Referat Statistik und Pastoral im Bischöflichen Ordinariat. Diese Entwicklung sei nicht zu verurteilen oder eine Kritik an der Pfarrei. Sie sei aber auch nicht aufzuhalten und gehöre zu einer Wahrheit der Zeit. Diese führe eigentlich zu den zwei Fragen. Wie und wo können diejenigen, die gerne regelmäßig Gottesdienst feiern, auch in 10 oder 20 Jahren zusammenkommen und Gott loben und preisen? Und: Was brauchen denn die anderen 93 Prozent um Gemeinschaft und Gott zu erleben? 

Glaubensweitergabe geht nicht mehr automatisch

Professorin Dr. Hildegard Wustmans, Dezernentin für Pastorale Dienste im Bistum Limburg, machte deutlich, dass der Glaube heute nicht mehr einfach wie ein Erbe von Generation zu Generation weitergegeben werde. „Menschen glauben heute nicht mehr einfach automatisch. Sie gehen nicht mehr einfach in gottesdienstliche Gemeinschaften hinein. Menschen entscheiden heute ganz persönlich, situativ und manchmal auch nur punktuell, wo sie den Kontakt zur Kirche und zu Menschen, die glauben, suchen“, sagte Wustmans. 

Kirche meine nicht nur den umbauten Raum und das Gebäude. Kirche sei immer auch ein sozialer Raum, der aus den Beziehungen von und zwischen Menschen bestehe und gestaltet werde. Kirche sei ein Ort, an dem Menschen Gemeinschaft erfahren könnten. Dies geschehe in der Pfarrei, im Kirchenraum, in der Kita und ganz sicher auch im sozialen Lebensraum. „Kirchen sind immer auch heilige Räume. Sie sind historisch entstanden, gewachsen, oft erweitert, umgestaltet oder auch aufgegeben worden. „Historisch betrachtet waren Kirchen nie nur liturgische Räume, sondern hätten immer auch eine soziale und diakonische Perspektive gehabt“, erklärte Wustmans. Diese Perspektiven gelte es immer mitzudenken. 

Bistum stellt sich Frage nach kirchlicher Präsenz

Bistumsweit stehe man vor der Frage, an welchen Orten Kirche präsent sein will und wie dauerhaft mit den Kirchengebäuden umgegangen werden kann. Dabei sei allen sehr bewusst, dass viele Menschen eng mit ihren Kirchorten verbunden seien. Niemand gebe leichtfertig Kirchengebäude auf. „Es braucht einen achtsamen Schritt der Mitnahme, der Menschen, die betroffen sind. Es braucht eine theologische, eine sozialräumliche und eine kirchenrechtliche Rahmung. Wir wollen nicht einfach eine Kirche als einen Gebäudetyp betrachten, den wir zu verwalten haben. Es braucht gut bedachte Vorgehensweisen“, so Hildegard Wustmans. Es brauche aber auch Mut, um nötige Schritte vor Ort zu gehen. Das Bistum werde diesen Weg konstruktiv und fachlich begleiten. 

Die Ergebnisse der KIS-Projektgruppe

Seit März 2019 hat sich eine Projektgruppe der Pfarrei mit Vertretern fast aller Kirchorte und unterstützt vom Bistum mit den Daten der Immobilienerfassung und der pastoralen Entwicklung intensiv befasst. Gemeinsam ist der Vorschlag einer Gesamtstrategie für die Pfarrei entwickelt worden. „Die Umsetzung unseres Strategievorschlages wird nicht von heute auf morgen geschehen. Es wird Jahre brauchen. Die Strategie lebt und wird sich verändern. Was bleibt sind die Grundpfeiler und die Grundrichtung“, erklärte Michael Herden, Verwaltungsleiter der Pfarrei St. Franziskus und Klara. 

Entwickelt werden soll eine Pfarrei mit drei Schwerpunkten. Der erste Schwerpunkt wird Neu-Anspach sein. Pfarrkirche, Gemeindezentrum und Zentrales Pfarrbüro sollen hier erhalten bleiben. In Pfaffenwiesbach sollen die Kirche und das Gemeindezentrum solange erhalten bleiben, wie dies finanziell möglich ist. Das Pfarrhaus und das Wohngebäude sollen aufgegeben werden. In Wehrheim sollen die Kirche, das Gemeindehaus und das Jugendhaus für eine Zeit des Übergangs zunächst erhalten bleiben, da hier pastorales Potential durch ein großes Neubaugebiet gesehen wird. Das Pfarrhaus soll aufgegeben werden. 

Ein zweiter Schwerpunkt der Pfarrei wird Schmitten sein. Kirche, Gemeindehaus und Pfarrhaus sollen langfristig erhalten bleiben. Am Kirchort Seelenberg soll die Kirche erhalten bleiben, solange wie dies finanziell möglich ist. Gleiches gilt für Oberreifenberg. Das Gemeindehaus wird mit Blick auf Niederreifenberg gebraucht  und soll daher erhalten bleiben. Das Pfarrhaus und das Wohngebäude hingegen sollen aufgegeben werden. In Niederreifenberg sollen Gemeindezentrum und Pfarrhaus veräußert werden. 

Der dritte Schwerpunkt befindet sich in Usingen. Kirche, Gemeindehaus und Pfarrhaus sollen langfristig erhalten bleiben. In Grävenwiesbach sollen übergangsweise das Gemeindezentrum und Pfarrhaus erhalten bleiben. Auch hier ist die Finanzierbarkeit ausschlaggebend. Gleiches gilt für die Kirche und das Gemeindehaus in Wernborn. In Kransberg soll das Pfarrhaus aufgegeben werden. Das Gemeindehaus soll erhalten bleiben. Die Kirche ist voraussichtlich pastoral nicht mehr notwendig und wird mittelfristig aufgegeben. 

Die weiteren Schritte

Noch vor den Herbstferien werden sich Vertreter der Ortsausschüsse mit der vorgeschlagenen Strategie befassen. Sie können Ideen und kostenneutrale Anpassungsvorschläge machen und an den Verwaltungsleiter melden. Die Rückmeldungen werden im Januar in der KIS-Projektgruppe beraten. Am 26. Januar 2021 werden dann der Pfarrgemeinderat und der Verwaltungsrat der Kirchengemeinde die nötigen Beschlüsse für eine Umsetzung fassen. Danach wird die Pfarrei informiert. Anschließend werden die Einzelmaßnahmen nach dem Konzept im Verwaltungsrat beschlossen. In etwa fünf Jahren soll die Umsetzung noch einmal überprüft und eventuell nachjustiert werden.

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