Wiesbaden
Wie ein Popsong im Radio
Das Team der Jugendkirche entwickelte die Idee in Corona-Zeiten. Das Konzept hat sich bewährt, sodass die Popliturgien auch heute noch Bestand haben. Im Interview erklärt Clara Vogel, Jugendbildungsreferentin der Jugendkirche Kana, wie die Gottesdienste ablaufen.
Was ist ein Gottesdienst im Popsongformat?
Clara Vogel: Unsere Gottesdienste orientieren sich im Ablauf an einem Popsong: Es gibt, wie in einem typischen Song aus dem Radio, verschiedene Elemente: Intro, Strophen, Refrain, Bridge und Outro. Jeder dieser Teile steht im Gottesdienst für ein bestimmtes Element. Das Intro ist neben der Begrüßung die Einführung in den Gottesdienst. Die ersten Strophen bestehen aus Alltagsgeschichten, die das Thema des Gottesdienstes lebendig werden lassen. Den Refrain bildet eine Bibelstelle, die mehrfach wiederholt wird. Wir haben gemerkt, dass in Gottesdiensten oft längere Bibelstellen bzw. Lesungen an uns vorbeifließen und wir uns danach fragen: „Was habe ich da eigentlich gehört?“ Wir wollen, dass die Bibelstelle länger im Ohr bleibt, wie ein Ohrwurm, und deshalb wiederholen wir sie. Dabei orientieren wir uns nicht, am Lesejahr und den damit vorgesehenen Bibelstellen, sondern suchen uns ein Thema und schauen dann, welche Texte aus der Bibel dazu passen. Die letzte Strophe ist dann die theologische Auslegung der Bibelstelle. Die Bridge im Popsong steht in der Liturgie für eine Mitmachaktion, bei der die Besucherinnen und Besucher aktiv einbezogen werden. Beim Popsong-Gottesdienst zum Nachtreffen der Miniwallfahrt nach Rom im September 2024 haben wir zum Beispiel Papierflieger mit Fürbitten durch den Limburger Dom fliegen lassen. Den Abschluss bildet das sogenannte Outro, das die Teilnehmenden mit einem prägnanten Gedanken in die Woche entlässt.
Wie werden Themen und die Musikauswahl für die Gottesdienste festgelegt?
Clara Vogel: Wir suchen nach Themen, die uns im Alltag bewegen, und verknüpfen diese mit passenden Songs. Ein Beispiel war der Gottesdienst zum Thema „Lieblingsmensch" von Namika. Dabei ging es darum, wann und bei wem wir im Alltag wirklich wir selbst sein können. Neben christlichen Popsongs musizieren wir live auch aktuelle Radiosongs, besonders deutsche, damit die Botschaften intuitiv verstanden werden. Zudem greifen wir oft auf Monatslieder der evangelischen Nordkirche zurück, die einen christlichen Hintergrund haben. Wir haben dabei das Anliegen, dass alles zusammen passt, einen roten Faden bildet und ein rundes Gesamtbild entsteht. Deshalb achten wir zum Beispiel auch darauf, mit dem Licht eine besondere Stimmung zu erzeugen. Musikalisch sollte ebenfalls alles aus einem Guss sein und die verschiedenen Songs und Texte aufeinander aufbauen.
Warum haltet ihr es für wichtig, verschiedene Gottesdienstformate anzubieten?
Clara Vogel: Nicht jede Gottesdienstform erreicht jeden Menschen. Unser Anliegen ist es, auch Menschen, die nicht christlich sozialisiert sind, ein passendes Angebot zu machen. Wir möchten, dass jede und jeder eine Form findet, in der sie oder er sich zuhause fühlt und authentisch sein kann. Jeder Mensch ist anders, und das gilt auch für die Art, wie er Gottesdienste erlebt. Unsere Popsong-Gottesdienste sind eine Möglichkeit, Glauben alltagsnah zu erleben und offen für alle zu gestalten.