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Nicht totsagen, sondern wachrütteln

Eindringlicher Appell von Bischof Georg Bätzing zum Abschluss der Visitation in St. Bonifatius
Nicht totsagen, sondern wachrütteln
Nicht totsagen, sondern wachrütteln
Mit einem festlichen Pontifikalamt in der Kirche Dreifaltigkeit endete die Visitation der Pfarrei St. Bonifatius. © Philippe Jaeck/Pfarrei St. Bonifatius
© Philippe Jaeck/Pfarrei St. Bonifatius

Ausgebucht und trotzdem corona-bedingt luftig besetzt: So präsentierte sich die Kirche Dreifaltigkeit in Wiesbaden, in der am Sonntag, 4. Juli, mit einem festlichen Pontifikalamt die bischöfliche Visitation der Pfarrei St. Bonifatius beendet wurde. Nicht nur das strahlende Wetter sorgte dabei für gute Stimmung. Immerhin konnten die Gläubigen zwei Lieder hinter ihren Masken mitsingen und die Pandemiesituation erlaubte im Anschluss sogar die geplante leibhaftige Begegnung im Garten, wobei sich die Beteiligten auch durch den zum Start just einsetzenden leichten Regen nicht die Laune verderben ließen. Hinter ihm liege ein spannendes Programm, sagte zu Beginn des Gottesdienstes Bischof Georg Bätzing, der von Stadtdekan Klaus Nebel herzlich begrüßt worden war. In den verschiedenen  Gruppen sei intensiv gearbeitet worden zu den großen  Themenfeldern, die anstünden: „Damit christliches Leben in der katholischen Pfarrei der Innenstadt sichtbar wird und die Menschen erreicht.“ Ausdrücklich dankte der  Bischof all denen, die hier, ob haupt- oder ehrenamtlich, Verantwortung übernähmen, sich den Herausforderungen stellten und nicht auswichen, „denn nur so gestalten wir die Zukunft unserer Kirche in dieser Stadt, die so wichtig ist als Hauptstadt unseres Landes Hessen."

© Philippe Jaeck/Pfarrei St. Bonifatius

Machen wir uns auf, um Anderes kennenzulernen

In seiner Predigt zitierte Bischof Bätzing das Goethe-Wort „Man sieht nur, was man weiß“. Vieles bleibe verschlossen, wenn man nur bei dem bleibe, was man immer schon gewusst habe. Im Leben und im Glauben brauche es Ereignisse, die „uns öffnen für eine größere Wirklichkeit.“ In den vergangenen Tagen sei er in der wahrhaftig großen Innenstadtpfarrei unterwegs gewesen. Auch hier treffe das Wort zu, sagte er und nutzte es für einen Appell: „Machen wir uns doch mal auf, Anderes kennenzulernen, andere Kirchorte, Gottesdienste in anderen Kirchen dieser Stadt. Machen wir uns auf in die Einrichtungen, in die sieben Kitas voller Leben, in die Senioreneinrichtungen, die großen Kliniken, an die Orte, wo der Glaube lebt, weil die Caritas dort tätig ist.“ Dabei könne der Weg in die Weite einer großen Pfarrei als Wert erkannt werden. Wie es zugleich auch ein Wert sei, Nähe zu gestalten an den Kirchorten, wo viele sich Zuhause fühlten.

Das Schicksal der Kirchen

Auch auf die Kirche treffe das Goethe-Zitat zu. Was sei zu sehen?, fragte der Bischof: Erschütterung über den Missbrauch in den innersten Reihen der Kirche. Die Irritation der Hochverbundenen, die sich Jahre und Jahrzehnte  engagiert hätten. Sie zweifelten, ob sie bleiben könnten bei dieser Kirche, bei der sich anscheinend nichts bewege. „Was wir sehen, was wir kennen, ist wahrhaftig sehr sehr ernüchternd“, stellte er fest. Das habe auch Kardinal Marx bewogen, von dem „toten Punkt“ der Kirche zu sprechen. Der wiederum hatte damit den Jesuiten Alfred Delp zitiert, der 1944 in der Todeszelle diese Formulierung gebraucht hatte. Der dort aufgeschriebene Text über „Das Schicksal der Kirchen“ sei weit voraussehend und vielleicht auf unsere Zeit jetzt erst wirklich zutreffend, so Bätzing.

Unseren Glauben demütig einbringen

Die Kirche sei an einem toten Punkt und sie müsse geweckt werden, hatte Delp geschrieben und vier Weckrufe notiert, auf die sich der Bischof mit eindringlichen  Worten bezog. Der erste Punkt betreffe die Ökumene, zu der es keine Alternative gebe. „Die Menschen werden nur auf uns schauen und uns zuhören, wenn wir stark miteinander auftreten als Christen“, betonte er. Für das „innere Gezänk und die Streitigkeiten zwischen Theologinnen und Theologen“ hätten viele kein Verständnis mehr. Zum zweiten sei Realismus gefordert. „Wir sind als Kirche, wenn wir nur in diese Stadt hinein schauen, eine gesellschaftliche Gruppe, eine Glaubensgruppe unter vielen“, sagte der Bischof und sprach sich dafür aus, „unser Weltverständnis und unseren Gottesglauben demütig einzubringen“.

Sich bewegen lassen von der Not der Menschen

Die Kirche werde nur Zukunft haben, wenn sie konsequent in die Diakonie hineingehe und sich bewegen lasse von der Not der Menschen. Diese Überzeugung Delps lasse auch ihn seit Beginn seiner Amtszeit immer wieder die Frage in den Mittelpunkt stellen, "für wen sind wir da, wozu braucht man uns.“ Das sei die diakonische Perspektive und in die hinein „werden wir uns entwickeln oder es wird uns nicht mehr geben.“ Zuletzt unterstrich der Bischof die Bedeutung des vierten Delp‘schen Weckrufes - den in die Innerlichkeit, zu einer Haltung der Hingabe und der Anbetung. Heute komme es vor allem darauf an, sich über die eigene Gottesbeziehung, das eigene Glaubensleben ganz persönlich miteinander auszutauschen und diese Erfahrungen einander anzuvertrauen.

© Philippe Jaeck/Pfarrei St. BonifatiusToll, dass Ihr da seid: Mit diesen Worten begrüßte der Bischof eigens die große Messdienerschar.

„Nicht totsagen, sondern wachrütteln“: Diese Losung gab Bätzing zum Abschluss aus, verbunden mit viel Ermutigung. Jesus habe es in den vergangenen 2000 Jahren geschafft, Menschen in jeder Zeit wachzurufen und die Kirche aus dem  Schlaf der Sicherheit in einen neuen Aufstand hinein zu wecken. „Ich wünsche uns, dass wir das ergreifen, dass wir uns von Jesus wachrütteln lassen, dass wir unseren Auftrag erfüllen, der uns gegeben ist: Kirche für die Menschen zu sein.“ 

Weitere Informationen rund um die Visitation finden sich auf der Homepage der Pfarrei unter https://www.bonifatius-wiesbaden.de. 

 

Bildergalerie zur Visitation in St. Bonifatius

© Philippe Jaeck/Pfarrei St. BonifatiusEngagierte Ehrenamtliche: Gruppenbild mit Bischof und den Mitgliedern des Pfarrgemeinderates und des Verwaltungsrates.
© Philippe Jaeck/Pfarrei St. BonifatiusEngagierte Ehrenamtliche: Gruppenbild mit Bischof und den Mitgliedern des Pfarrgemeinderates und des Verwaltungsrates.
© Philippe Jaeck/Pfarrei St. BonifatiusTreffen mit den Mitgliedern von Pfarrgemeinderat und Verwaltungsrat.
© Philippe Jaeck/ Pfarrei St. BonifatiusIn allen Gruppen - hier mit Pfarrer Klaus Nebel und dem Pastoralteam - wurde intensiv an den Themenstellungen gearbeitet.
© Philippe Jaeck/Pfarrei St. BonifatiusFür diesen Programmpunkt mit der Kirchenmusik ist der Bischof, selbst passionierter Orgelspieler, gerne auf die Empore gekommen.
© Philippe Jaeck/Pfarrei St. BonifatiusDie Willkommenskultur und die Arbeit in den Familiencafés gehört zu den Schwerpunkten der Pfarrei.
© Philippe Jaeck/Pfarrei St. BonifatiusDas Gruppenbild mit den syrischen Pfadfindern entstand im Rahmen des Kennenlernens der Willkommenskultur der Pfarrei.
© Philippe Jaeck/Pfarrei St. BonifatiusAustausch mit den Ehrenamtlichen der City-Seelsorge.
© Philippe Jaeck/Pfarrei St. BonifatiusDas hat den Bischof beeindruckt: Jede Woche treffen sich rund 60 Jugendliche zum Abendlob in der St. Bonifatiuskirche.
© Philippe Jaeck/Pfarrei St. BonifatiusIn den vielen Senioreneinrichtungen auf dem Gebiet der Pfarrei warten Menschen auf ein gutes Wort und Begleitung. Wie könnte aufsuchende Seelsorge aussehen?

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