07.10.2016
Kirche muss Komfortzone verlassen
WIESBADEN/LIMBURG. ? Wenn es um Wohnungsnot und Wohnungslosigkeit geht, muss die Kirche selbst aktiv werden und darf sich nicht auf sozialpolitische Forderungen beschränken: Diese Position hat Harry Fenzl, Leiter der Wohnungslosenhilfe im Caritasverband Limburg, beim 23. Forum Sozialpastoral vertreten. Unter dem Titel „Wie Menschen wohnen wollen-können-sollen-müssen“ stand am Mittwoch, 5. Oktober, im Wilhelm-Kempf-Haus neben der Bestandsaufnahme vor allem die Frage nach der sozialen Verantwortung der Christen im Fokus, auf die Dr. Susanne Gorges-Braunwarth, Referat Pastorale Dienste, eingangs verwies. Als eine Art Menschenrecht, wenn auch nicht einklagbar, bezeichnete Torsten Gunnemann, Diözesancaritasverband, das Recht auf Wohnen.
Möglichkeiten zur Teilhabe schaffen
Da die Stadt Limburg kein Geld habe, aber Grundstücke für den Wohnungsbau zur Verfügung stellen könnte, wäre es in seinen Augen „ein starkes Signal des Bistums und des neuen sympathischen Bischofs“, wenn ein konkretes Angebot zur Unterstützung gemacht würde, sagte Fenzl in einer gemeinsamen Diskussionsrunde am Vormittag. Damit könnte der Begriff Dom-Stadt Limburg mit Inhalt gefüllt und ein Beitrag zum glaubwürdigen Handeln der Kirche geleistet werden. „Wenn Menschen nicht teilhaben können, müssen wir Möglichkeiten dafür schaffen, auch ökonomisch“, forderte auch Marcus Krüger, Geschäftsführer der Ökumenischen Wohnhilfe Taunus. Markt und Politik könnten die Probleme nicht allein lösen.
Komfortzone verlassen
Es sei eine grundsätzliche Frage, ob Wohlfahrtsverbände und Kirchen „die Komfortzone verlassen“ und ihren Grundbesitz und ihre Güter einsetzten, um konkrete Maßnahmen zu verwirklichen. Immerhin hätten die beiden großen christlichen Kirchen den größten Anteil an Grund und Boden in Deutschland. Dieses Gut könne genutzt werden, sagte Krüger, der das Lebenshaus des Caritasverbandes Frankfurt als gutes Beispiel für ein konkretes Mitwirken am Gemeinwesen bezeichnete. Das Bistum brauche eine starke sozialpolitische Stimme, um sich in den Diskurs einzumischen, mahnte in diesem Zusammenhang der Direktor des Diözesancaritasverbandes, Dr. Hejo Manderscheid. Dafür müssten Ressourcen bereitgestellt werden. Um alle Menschen im Bistum zu beteiligen, gehöre das Thema mit in den Bistumsprozess der lokalen Kirchenentwicklung hinein, regte Sabina Person, Caritasverband Wiesbaden, an. Dort sei es gut zu verorten.
Fehlentwicklungen in der Politik
Von Fehlentwicklungen in der Politik durch den Ausstieg aus der Förderung des sozialen Wohnungsbaus in den letzten Jahrzehnten sprach Evelyn Becker, Referatsleiterin der Wohnungslosenhilfe im Caritasverband Frankfurt. Wohnungen seien zur Ware und zum Spekulationsobjekt verkommen, dem müsse mit einer Objektförderung entgegengesteuert werden. Der Staat könne sich nicht aus der Wohnungspolitik verabschieden, sagte sie. In der katholischen Kirche in Frankfurt ist die Frage nach ihren Worten ganz oben angesiedelt mit einer gemeinsamen Initiative von Stadtdekan und Caritasverband, um mit Beteiligung der Kirchengemeinden eine effektive „katholische Wohnraumhilfe“ ins Leben zu rufen.
Lassen Sie bauen!
Fakten zur Wohnungsrealität lieferten vor der Diskussion zwei Impulsreferate. Matthias Böss vom Regionalverband Rhein-Main verdeutlichte mit Zahlen und Statistiken die Entwicklung für Stadt und Land und prognostizierte für die Zukunft, dass bis 2030 der Wohnungsbedarf um 17 Prozent ansteigen könnte. Beim Wohnungsbau habe vor allem das Umland versagt, meinte er: „Lassen Sie bauen, überall, wo es geht“, lautete sein Appell. Die Wohnungsnot aus sozialer Perspektive nahm Marcus Krüger in den Blick, der unter anderem die Zunahme prekärer Wohnverhältnisse und die oft jahrelange Verweildauer in Notunterkünften benannte. Als beispielhaft bezeichnete er den Bau des Mehrgenerationenhauses in Diedenbergen durch die Ökumenische Wohnhilfe.
Mit ganz praktischen Beispielen und Lösungen beschäftigten sich die rund 60 Teilnehmer am Nachmittag in diversen Workshops, wo es um Bauen mit kirchlichen Geld ebenso wie um inklusives Wohnen ging oder um ein Plädoyer für das „Leben im Dorf“, engagiert vorgetragen vom Wallmeroder Bürgermeister Klaus Lütkefedder. (rei)