30.09.2016
Sorge um veränderte Tonlage im öffentlichen Diskurs
FRANKFURT.- Mit Sorge hat der zweite Katholische Flüchtlingsgipfel am Donnerstag, 29. September, im Frankfurter Bildungszentrum Haus am Dom darauf reagiert, dass sich die „Tonlage des öffentlichen Diskurses deutlich verändert“ hat. „Der pragmatische Austausch über handfeste Probleme und Herausforderungen wird bisweilen durch abstrakte Symboldebatten verdrängt,“ sagte der Sonderbeauftragte für Flüchtlingsfragen der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Stefan Heße (Hamburg), vor mehr als 140 Fachleuten und Ehrenamtliche der kirchlichen Flüchtlingshilfe, die sich zu Fragen gelingender Integration in Zeiten gesellschaftspolitischer Polarisierung austauschten.
Zu Beginn des Flüchtlingsgipfels drängte Erzbischof Heße darauf, dass sich Kirche und Gesellschaft offen mit den anstehenden Herausforderungen der Integration auseinandersetzen: „Letztlich geht es darum, dass sich Neuankommende und Alteingesessene gleichermaßen mit unserem Gemeinwesen identifizieren und aktiv an seiner Gestaltung mitwirken können.“ Dabei seien "Werte und Normen unseres Grundgesetzes die Basis für den Prozess der Integration".
Verschiedene Strategien der Integration erforderlich
Uwe Hunger, Privatdozent an den Universitäten Münster und Siegen, ging in seinem Vortrag auf unterschiedliche Modelle von Integration ein. Neben den staatlichen Programmen und dem Engagement der Migranten selbst sei erfolgreiche Integration auf die kontinuierlichen Aktivitäten von Kirchen und Zivilgesellschaft angewiesen. Je nach Mentalitäten und der Ausprägung des Sozialstaates müssten in den verschiedenen Aufnahmeländern unterschiedliche Strategien der Integration entwickelt werden.
Der Katholische Flüchtlingsgipfel diente dazu, Fachleute und Praktiker zusammenzuführen, um auf der Grundlage der „Leitsätze des kirchlichen Engagements für Flüchtlinge“ über konkrete und bedarfsgerechte Perspektiven der kirchlichen Integrationsarbeit zu beraten. Impulse zur besseren Vernetzung und Koordinierung der kirchlichen Aktivitäten bildeten dabei einen Schwerpunkt. Die „Leitsätze“ waren auf dem ersten Katholischen Flüchtlingsgipfel im November 2015 erarbeitet und auf der Frühjahrs-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz im Februar 2016 verabschiedet worden.
Gemeindeprojekte in Frankfurt zur Flüchtlingsarbeit
In Frankfurt präsentierten sich auch aktuelle Projekte für Flüchtlinge. Die eritreische gemeinde im Rhein-Main-Gebiet, eine der größten muttersprachlichen Gemeinden im Bistum Limburg, etwa bietet zweimal in der Woche Beratungen zum Einstieg in den Arbeitsmarkt. Dadurch konnte bereits Menschen mit Fluchthintergrund eine Arbeitsstelle vermittelt werden. Darüber hinaus kooperiert die gemeinde im Zuge eines Caritas-Projektes mit der Stadt Frankfurt und anderen Partnern, um Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Angeboten werden eine Praktikumsbegleitung, Betriebsbesichtigungen, Schulungen, Hospitanzen in Kranken- und Altenpflege sowie die Vermittlung in Ausbildungsbetriebe.
Die maronitische Gemeinde in Frankfurt erprobt zur Zeit eine "integrative, transnationale und ökumenische Pastoral". Die Gemeinde sucht dazu enge Kontakte zu deutschsprachigen Gemeinden und organisiert Begegnungstreffen. Sie erwägt sogar eine Namensänderung in arabischsprachige Gemeinde und eine Ausweitung ihrer Angebote, da sie zunehmen international wird.
Gesellschaftliche Teilhabe und interreligiöse Bildung
In sechs Arbeitsgruppen diskutierten die Teilnehmer des Flüchtlingsgipfels zentrale Aspekte gesellschaftlicher Teilhabe und des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Dabei ging es um die Werte und Normen, die ein pluralistisches Gemeinwesen zusammenhalten, um interreligiöse und interkulturelle Bildung als Beitrag zum gelingenden Miteinander, um Hilfe zur Selbsthilfe und Empowerment von Flüchtlingen, um Teilhabe vor Ort und den Faktor Wohnraum, um Chancen auf dem Arbeitsmarkt und das Handlungsfeld berufliche Qualifizierung sowie um Seelsorge und Gemeindeentwicklung im Angesicht der Zuwanderung.
Um den wachsenden Herausforderungen, denen ehrenamtliche Flüchtlingshelfer gegenüberstehen, angemessen zu begegnen, haben die (Erz-)Bistümer und die Caritas in den vergangenen Monaten zusätzliche Stellen für Ehrenamtskoordinatoren eingerichtet. Darüber hinaus stellen sie ein breites Angebot von Qualifizierungsmaßnahmen und Fortbildungen bereit. Erzbischof Heße dankte Kirchengemeinden und Verbänden insbesondere für das nicht nachlassende ehrenamtliche Engagement: „Mehr als 200.000 Ehrenamtliche in beiden Kirchen sind Zeugnis dafür, dass unser Glaube gerade in schwierigen Zeiten eine kreative und begeisternde Dynamik entfaltet“ und „christliche Wertvorstellungen nicht einfach nur ein historisches Fundament unserer Gesellschaftsordnung bilden“. (pm/dw)