Wiesbaden
„Ich darf hoffen, wenn ich tue, was ich soll“
„Vertrauen wird heute nicht mehr geschenkt – es muss erworben werden.“ Mit dieser klaren Aussage umriss Bischof Dr. Georg Bätzing am Montag, 31. März 2025, im Wiesbadener Presseclub einen entscheidenden Wandel in Politik, Medien und Kirche. Der Vortrag des Bischofs stand unter dem Leitwort: „Hoffentlich – oder: In welcher Gesellschaft wollen wir leben?“
Bätzing warnte vor einem schleichenden gesellschaftlichen Pessimismus, aber auch vor moralischer Selbstgerechtigkeit: „Jetzt ist nicht die Zeit, um Luftschlösser zu bauen – genauso wenig zielführend sind Untergangsszenarien, die nur lähmen.“ Stattdessen plädierte er für eine „Realutopie“ – eine Gesellschaftsvision, die sich nicht in Idealen verliert, sondern auf realen Grundlagen aufbaut. „Die Frage ist nicht mehr, ob wir wissen, was auf dem Spiel steht – das tun wir längst. Die Frage ist: Wann handeln wir?“, sagte Bätzing mit Blick auf die Klimakrise, den Verlust demokratischer Strukturen und globale Ungerechtigkeiten.
Weltgemeinwohl statt Nationalegoismus
Der Bischof kritisierte scharf den politischen Isolationismus und das Denken in nationalen Vorteilen. Stattdessen rief er dazu auf, das Gemeinwohl global zu denken: „Nur wenn alle an alle denken, ist an alle gedacht.“ Das christliche Menschenbild mit seiner unbedingten Achtung der Menschenwürde könne hierfür eine tragfähige Grundlage sein. In Anlehnung an Papst Franziskus betonte Bätzing die Verantwortung des Globalen Nordens: „Wir haben unseren Wohlstand auf der Ausbeutung anderer aufgebaut – und wir tun es zum Teil noch immer. Das zu verändern ist keine Frage des Altruismus, sondern der Gerechtigkeit.“
Vertrauen entsteht durch Transparenz
Besonders eindringlich sprach der Bischof über den Vertrauensverlust in gesellschaftliche Institutionen. „Vertrauen basiert heute nicht mehr auf Zugehörigkeit, sondern auf Erfahrung“, so Bätzing. Es zähle nicht, wer spreche, sondern ob das Gesagte eingelöst werde. Das gelte auch und gerade für die Kirche: „Viele Menschen vertrauen uns – wenn überhaupt – erst dann wieder, wenn wir tun, was wir sagen: Aufklären, aufarbeiten, solidarisch mit den Betroffenen sein“, machte Bätzing klar.
Er dankte in diesem Zusammenhang ausdrücklich dem kritischen Journalismus: „Ohne journalistische Arbeit wüssten wir vieles nicht – über Umweltzerstörung, moderne Sklaverei oder Missstände in Lieferketten. Gute Medienarbeit ist Voraussetzung für informierte Entscheidungen und echte Verantwortung.“
Hoffen – aber nicht vertrösten
Am Ende seines Vortrags zitierte Bätzing den Philosophen Otfried Höffe mit dem Satz: „Ich darf hoffen, wenn ich tue, was ich soll.“ Das sei, so der Bischof, der Kern christlicher Gesellschaftsverantwortung. „Hoffnung ist kein Rückzugsort – sie ist ein Antrieb. Das Reich Gottes beginnt nicht irgendwann, sondern im Hier und Heute – durch unser Tun.“