Jörg Heuser
Arbeitswelt und Kirche
Frankfurt
Im Sommer veranstaltet Gemeindereferent Jörg Heuser bereits zum fünften Mal einen spirituellen Segeltörn für Berufstätige aus Frankfurt: Vom 29. Juni bis 5. Juli geht es auf einem Zweimaster wieder durch das Ijsselmeer und das niederländische Wattenmeer (Infos auf www.ankerplatz-ffm.de). Unterwegs gibt es spirituelle Impulse und Workshops. Wer sind die Menschen, die sich zu einem solchen Angebot anmelden?
Herr Heuser, im Sommer packen Sie wieder Ihren Seesack und machen sich – zusammen mit einer Gruppe aus Frankfurt – auf den Weg ans Meer. Häufig ist das Angebot früh ausgebucht, auch jetzt sind nur noch wenige Plätze frei. Wie erklären Sie sich den Erfolg?
Jörg Heuser: Meer und Segelschiff sind schon gleich zwei Sehnsuchtsorte. Dazu noch die Aussicht, eine Woche lang in der Natur zu verbringen, klingt für viele superattraktiv. Es ist gewissermaßen der Gegenentwurf zur Großstadt, in der sie sonst unterwegs sind. Manche haben schon Erfahrung mit dem Segeln, andere gar nicht. Dazu kommen noch die Workshops zum Thema „Job“. Macht mir das Spaß, was ich tue und wenn nicht, was könnte ich ändern, damit es besser läuft? Die Woche auf dem Schiff ist wie eine Bestandsaufnahme, die oft dazu führt, dass im Alltag weitere Schritte hin zu mehr Zufriedenheit im Beruf folgen.
Wie muss man sich das denn konkret vorstellen? Was erleben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf dem Segelschiff?
Wir sind als Team unterwegs und machen alles zusammen. Einkaufen, Kochen und Spülen gehören dazu, aber auch härtere Arbeit, wie Segel setzen und wieder einholen. Morgens und abends gibt es dann unsere Workshops. Ein Beispiel aus dem letzten Jahr war das Körpergebet, eine Mischung aus Gebet und Yoga. Das kam richtig gut an! Diesmal geht es um ganz persönliche Landkarten, wir kartieren also unsere Leben, schauen, wo wir jetzt stehen, was wir tun können und wie die Zukunft vielleicht aussieht. Zum Abschluss gibt es einen Gottesdienst, den die Gruppe selbst organisiert. Die Teilnahme ist aber kein Muss, sondern ganz freiwillig.
Für die Menschen, die teilnehmen, ist es bestimmt ein intensives Erlebnis, sich von Wasser umgeben auf so engem Raum tief mit dem eigenen Leben auseinanderzusetzen.
Das stimmt, und dabei kommt es auch immer wieder zu Überraschungen. Das Angebot richtet sich bewusst auch an Menschen, die wenig Erfahrung mit Spiritualität haben, aber Lust, mal etwas auszuprobieren. Ich erinnere mich daran, dass wir in einem Jahr mal eine Schale der Liebe nach Clairvaux getöpfert haben – und es für die, die dabei waren, ein regelrecht kontemplatives Erlebnis war. Wenn man sich Zeit lässt, sein Leben zu reflektieren, kann das eine Brisanz kriegen. Vieles verdrängen wir im Alltag, das kommt in solchen Momenten dann hoch und raus. Bei jedem Spiritual Turn sind zwei Seelsorger an Bord, diesmal begleitet mich wieder der Kollege Simon Schade. Wir sind für die Menschen da, wenn sie darüber reden möchten, was ihnen unterwegs begegnet.
Sie erzählen von Momenten, in denen das Schiff einfach nur gleitet, ohne durch Motor oder Wind angetrieben zu werden, von der Stille, von Begegnungen mit Seerobben auf Sandbänken. Welche Bedeutung hat das Schiff als Ort?
Das Schiff ist extrem wichtig. Auf einem Schiff zu sein macht klar: Ich bin jetzt hier, in dieser Gruppe, und muss mich dem Schiff anvertrauen, denn ich komme hier nicht weg. Es gibt kaum Ablenkung, keine Alternativen wie vielleicht in einem Tagungshaus oder Hotel. Wir wohnen in kleinen Kajüten, der Tag ist strukturiert. Eigentlich das Gegenteil von Freiheit – und doch fühlt man sich wunderbar frei.
Den Spiritual Turn haben Sie im Rahmen Ihrer auf fünf Jahre befristeten dynamischen Stelle entwickelt, mit der Sie erforscht haben, wie Kirche Menschen in der Arbeitswelt erreichen kann. Ein Ergebnis davon war, dass Pastoral, die mit Erlebnissen verbunden ist, begeistern und das Zusammengehörigkeitsgefühl stärken kann. Warum funktioniert das so gut?
Der Segelturn ist ein Teil davon, ein anderer Teil sind die Social Days, an denen Gruppen aus Unternehmen sich gemeinsam sozial engagieren und zum Beispiel etwas bauen; dabei begegnen ihnen Menschen mit Behinderung, obdachlose Menschen oder andere, mit denen sie sonst nicht zusammenarbeiten. Sowohl der Segeltörn als auch die Social Days leben davon, dass wir einen „kontrollierten Kontrollverlust“ erschaffen. In beiden Fällen ist nicht vorhersehbar, was passiert, man muss vertrauen, dass es schon wird. Dadurch entsteht Raum für die ungeplanten Dinge und Begegnungen, die sehr inspirierend sein können. Im Idealfall lernen wir daraus, dass wir nicht alles fest in der Hand halten müssen, um glücklich zu sein. Und es ist auch etwas zutiefst Christliches. Denn Christsein heißt, ich muss nicht alles können, ich bin von Gott geliebt und an dieser Liebe ändert sich nichts, egal, was passiert. Dazu braucht es auch nicht unbedingt immer gleich die Bibel, es sind einfach die Erlebnisse und die Erkenntnisse unterwegs, die die Augen öffnen und spirituelle Momente entstehen lassen.