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Frankfurt

Warum Trauer manchmal (fast) nackt macht

Ein Jahr lang haben 15 Ehrenamtliche im Bistum sich in einem Kurs darauf vorbereitet, in der Trauerbegleitung eingesetzt zu werden – und auch selbst Beerdigungen zu leiten. Bei der Frage, mit welchen Angeboten sie darüber hinaus Trauernden künftig helfen wollen, geht es nun vor allem um persönliche Talente und kreative Ideen.

Trauer ist, wie zum ersten Mal Paddleboard zu fahren. Man steht auf wankendem Untergrund, hat das Gefühl, jeden Moment zu stürzen und ins kalte Wasser zu fallen. Man kämpft mit der Balance, fällt tatsächlich, kämpft sich durchnässt zurück aufs Board, akzeptiert, dass es dauern wird, bis man sich sicher mit der neuen Situation fühlt. Und dann, irgendwann, plötzlich … richtet man sich auf. Steht. Und meistert das Unbekannte, trotz allem.

So oder so ähnlich muss es den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Trauer-Stand-Up-Paddlings ergangen sein, das im vergangenen Sommer zum ersten Mal stattgefunden hat und auch in diesem Jahr wieder geplant ist (siehe Info zum Vorbereitungsabend rechts in der Infobox). „Beim Paddling geht es um Gleichgewicht, Haltung, darum, Stabilität und Halt in einem sich bewegenden Umfeld zu finden“, sagt der ehrenamtlich im Fachzentrum Trauerseelsorge engagierte Mat Mentzing, der das Konzept gemeinsam mit Theologe und Gemeindereferent Ralph Messer kreiert hat und auch in diesem Jahr wieder anbieten möchte.

Sehr vergleichbar also mit Trauer an sich, die einem ja auch sämtliche Stabilität nehmen kann. Und eine weitere Sache kommt dazu, die beim Paddling Überwindung kostet, aber mit einem guten Gefühl belohnt wird: „Sich in der Badehose vor einer fremden Gruppe zu zeigen, erfordert ja immer ein bisschen Selbstbewusstsein – und erst recht, wenn man in Trauer und deshalb sehr verletzlich ist“, so Mentzing. Aber offen und mutig zu sein, lohnt sich auch hier, denn das, was folgt, ist für viele ein tiefes spirituelles Erleben: Auf dem Wasser dahinzugleiten, alleine und doch in der Gruppe, schweigend, aber doch mit Möglichkeit zum Gespräch davor und danach, sehend, erlebend, staunend, in sich gekehrt und zugleich fest verbunden mit dem Hier und Jetzt. „Ich glaube, dass Sport und Bewegung mit der Natur heilend ist“, sagt der gebürtige Brasilianer, der heute in Kronberg lebt.

Mat Mentzing, 64 und pensionierter Banker, hat im November den Kurs „Tote bestatten, Trauernde trösten“ abgeschlossen. In dem elfmonatigen Kurs des Bistums Limburg haben sich in insgesamt neun Wochenend-Modulen 15 Frauen und Männer zu ehrenamtlichen Trauerbegleiter:innen und Begräbnisleiter:innen ausbilden lassen und dabei Themen wie Trauer und Trauerbegleitung, Gesprächsführung, Beisetzung und Ablauf im Krematorium, Traueransprache, christliche Auferstehungshoffnung und Rituale bearbeitet. Es ist der zweite Kurs dieser Art, der vom Fachzentrum Trauerseelsorge im Bistum angeboten wird – und erneut war das Interesse groß. Auch 2027 wird es deshalb, wie es aussieht, wieder die Möglichkeit für diese ehrenamtliche Ausbildung geben.

Menschen, die selbst die tiefgreifende Erfahrung von Verlust gemacht haben, haben oft ein Gespür dafür, wie einsam man sein kann. Und möchten anderen zur Seite stehen. Quelle: Verena Maria Kitz, Leiterin des Fachzentrums Trauerseelsorge

Die Teilnehmenden können sich im Lauf des Kurses entscheiden, ob sie den Schwerpunkt Trauerbegleitung oder Bestattungsdienst wählen oder in beiden Aufgaben tätig sein wollen. Auch beim zweiten Kurs, wie schon beim ersten, wählte etwa die Hälfte der Gruppe den Bestattungsdienst – ein großes Glück für die Pfarreien, die bei Bestattungen dringend auf die Mithilfe von Ehrenamtlichen angewiesen sind. Für die Ehrenamtlichen selbst ist es ein oft intensives Erlebnis, vorab Gespräche mit der Familie des Verstorbenen zu führen, eine würdevolle Trauerrede und - feier vorzubereiten und alles rund um die Bestattungszeremonie zu planen. Da sind Empathie, Geduld und auch Kreativität gefragt.

Raum für Ideen geben

Und auch die Teilnehmenden, die sich für die Trauerbegleitung als Schwerpunkt entscheiden, haben nach dem Kurs viele Möglichkeiten, kreativ zu werden. Einige bieten in ihren Pfarreien Treffpunkte wie ein Trauercafé oder andere Begegnungsmöglichkeiten für Trauernde an. Und das Team der Trauerseelsorge ermutigt die dort Engagierten, eigene Angebote im Trauerzentrum zu entwickeln und so ihre eigenen Interessen und Charismen einzubringen – so wie Mentzing, der selbst schon seit seiner Jugend surft und sich stark zum Wasser hingezogen fühlt. Neben dem Paddling möchte er auch Präsenzdienste in der künftigen Begräbniskirche übernehmen und Einzelgespräche anbieten. „Es ist uns wichtig, nichts vorzugeben, sondern den Ehrenamtlichen die Möglichkeit zu geben, ihre eigenen Ideen zu entwickeln“, erklärt Verena Maria Kitz, Leiterin des Fachzentrums Trauerseelsorge und der daran angeschlossenen Begräbniskirche, die im Lauf des ersten Halbjahres 2026 eröffnet werden soll.

Wie einsam man sein kann

Viele der Kursteilnehmerinnen und -teilnehmer haben einen persönlichen Zugang zu Trauer. Kein Wunder, meint Verena Kitz: „Menschen, die selbst die tiefgreifende Erfahrung von Verlust gemacht haben, haben oft ein Gespür dafür, wie einsam man sein kann. Und möchten anderen zur Seite stehen.“

Auch Kurskollegin Sophie Augustin, 32 Jahre alt und Juristin aus Mainz, kennt Trauer aus eigener Erfahrung, weil sie schon als Kind einen schweren Verlust verkraften musste. Eine Kindertrauerbegleitung half ihr damals und machte ihr rückblickend klar: „Trauer kann uns entgegen einer manchmal anzutreffenden Hoffnung und Vorstellung in jedem Alter gleich stark betreffen und braucht, ganz gleich, wie jung wir sind, einen Platz.“ Verschiedene Altersgruppen brauchen also verschiedene Trauerangebote. Zunächst begann sie, zeitgleich zum Kurs im Trauercafé auszuhelfen, gemeinsam mit einer erfahrenen Trauerbegleiterin. Dann gründete sie gemeinsam mit Gemeindereferentin Judith Poser eine Trauerkochgruppe für Menschen zwischen 18 und 35, die sich seit gut einem Jahr am dritten Donnerstag im Monat trifft, um in der geräumigen Küche im ersten Stock des Trauerzentrums im Frankfurter Nordend gemeinsam zu kochen, zu sprechen und zu essen. Das wiederum inspirierte eine Runde von Frauen, die bisher als Teilnehmerinnen zu den Angeboten des Trauerzentrums kamen, selbst aktiv zu werden und eine Trauerkochgruppe für ihre Zielgruppe zu gründen.

Die Küche als Ort fürs Trauern, Erinnern und manchmal auch Ablenken durchs Gemüseschneiden und Spülen – es ist keine Überraschung, dass das gut funktioniert. „Die besten Gespräche finden ja immer in der Küche statt“, sagt Sophie Augustin. Entsprechend hat auch Ralph Messers Trauer-Tresen, ein Angebot speziell für Männer, dort schon stattgefunden.

Ein Anker in der Jahreszeit

Darüber hinaus ist die Idee hinter dem Kochtreff aber auch eine ganz pragmatische. „Wenn es einem sehr schlecht geht, hat man vielleicht nicht mehr die Kraft, sich selbst eine Mahlzeit zu kochen“, sagt Sophie Augustin. Was die Gruppe kocht, richtet sich nach der Verfügbarkeit regionaler Produkte, wichtig ist außerdem immer, dass das Gericht auch für Vegetarier:innen abgewandelt werden kann. Ein saisonaler Sommersalat, ein wärmendes Curry, dampfende Pizza aus dem Ofen und im Dezember Plätzchen: Auch, dass die Gerichte der Jahreszeit entsprechen, ist wichtig für die Trauerkochgruppe. Denn wer sich allein und losgelöst fühlt, dem tut es gut, einen Anker im Hier und Jetzt zu werfen. Glaube spielt dabei übrigens eher eine begleitende, aber zurückhaltende Rolle, so wie auch bei den anderen Angeboten des Trauerzentrums niemand offensiv nach seiner Religion gefragt wird. Beim Paddling gibt es eine Impulsrunde und einen Segen zum Schluss, beim Kochen geht es oft um ganz anderes, das aber unterschwellig trotzdem damit zu hat. „Dann aber häufig mit persönlicher Perspektive“, sagt Sophie Augustin. „Zum Beispiel berichtet jemand, dass der Glaube ihr oder ihm Halt gibt, während andere sagen, sie hätten gerne einen stärkeren Glauben.“

Blick ins Bistum – mit Erfolg

Wie nachhaltig die Ausbildung wirkt, zeigen Projekte aus dem vorangegangenen Kurs, die an verschiedenen Stellen im Bistum längst etabliert sind. 

Matthias Lambrich und Ulrike Schneider zum Beispiel schlossen den Kurs 2024 ab und sind seitdem als Trauerbegleiter in Lahnstein unterwegs. Sie bieten persönliche Gespräche, veranstalten einmal im Jahr einen Einkehrtag und laden regelmäßig zum Friedhofscafé ein. „Dreimal im Jahr stehen wir mit der Ape auf einem der drei Friedhöfe in Oberlahnstein, Niederlahnstein und Braubach und laden zu Gespräch und Kaffee, Tee ein“, berichtet Ulrike Schneider. Im November (kurz vor Allerheiligen) wird auch immer ein kleiner Impuls mit Totengedenken von uns vorbereitet. Beiden ist wichtig, Trauer nicht „wegzutrösten“, sondern Menschen Raum zu geben: „Raum für Schmerz, Erinnerungen, Fragen und auch für Hoffnung. Der christliche Auferstehungsglaube soll dabei behutsam ins Gespräch kommen – nicht als fertige Antwort, sondern als tragende Perspektive“, beschreibt sie ihre ehrenamtliche Arbeit.

Ein weiteres Projekt ist die „Trostbank“ in Eltville, die von August bis Oktober des vergangenen Jahres zum Gespräch über Trauer auf dem Friedhof einlud. Die Idee stammte von Petra Schleider und Christina Kunkel, Leitung der Katholischen Region Wiesbaden, Rheingau, Taunus. Cornelia Hahn, die den Kurs absolviert hat, war eine von insgesamt acht Ehrenamtlichen, die dafür sorgten, dass es jeden Sonntagnachmittag ein Gesprächsangebot auf dem Friedhof in Eltville gab. „Die Erfahrungen waren ganz unterschiedlich; es gab Sonntage, da standen die Menschen schon fast Schlange, um sich auf die Bank zu setzen, und auch manchmal ruhige Sonntage“, berichtet Cornelia Hahn. Insgesamt seien die Rückmeldungen sehr positiv gewesen, so dass die „Trostbank“ in diesem Sommer wieder stattfinden und vielleicht sogar noch auf weitere Friedhöfe ausgedehnt werden soll.

Termine

Für 2027 ist ein dritter Kurs „Tote bestatten, Trauernde trösten“ geplant, ein Infotreffen wird es Ende des Jahres geben. Interessierte können sich schon jetzt dafür melden unter trauerseelsorge@bistumlimburg.de.

Termine fürs Trauerpaddling im Sommer stehen noch nicht fest. Am Mittwoch, 25. Februar, 19 Uhr, gibt es einen Informationsabend im Fachzentrum Trauerseelsorge, Butzbacher Straße 45 im Nordend. Interessierte sind ohne Anmeldung willkommen.

Wer an der Kochgruppe für 18- bis 35-Jährige teilnehmen möchte, kann Kontakt unter j.poser@bistumlimburg.de aufnehmen. Eine Übersicht über die Termine 2026 wie auch für die der anderen Angebote gibt es auf https://trauerseelsorge.bistumlimburg.de unter Trauerbegleitung / Kochgruppen.

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