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Betzdorf, 11.02.2026

Salz der Erde, Licht der Welt

Es war ein großes „Nachhausekommen” für Bischof Dr. Georg Bätzing. Am Dienstag, 10. Februar 2026 ist der Bischof von Limburg für einen Abend in seine Heimat zurückgeehrt und hat mit einem ermutigen Festvortrag das Jubiläumsjahr zum 125-jährigen Bestehen des Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums in Betzdorf eröffnet. Vor mehr als 45 Jahren hat er dort sein Abitur abgelegt.

Unter dem Leitwort „Salz der Erde, Licht der Welt – Welchen Beitrag kann der Glaube in unserer Gesellschaft leisten?“ stellte der Bischof, der zu den bekanntesten Absolventen des Gymnasiums zählt, zentrale Thesen zur Rolle von Kirche, Glauben und Verantwortung in einer zunehmend säkularen Welt vor.

Probleme der Kirche müssen angegangen werden

Gleich zu Beginn warb Bätzing für einen nüchternen Blick auf die Wirklichkeit. „Realismus üben“ nannte er seinen ersten Zugang. Die gesellschaftliche Relevanz der Kirchen sei größer, als es die rückläufigen Mitgliederzahlen vermuten ließen. „Vertrauen entstehe dort, wo Probleme transparent gemacht, angegangen und gelöst werden“, so der Bischof.  Gerade angesichts der Vertrauenskrise habe Kirche gelernt, dass Glaubwürdigkeit nicht durch Worte, sondern durch verantwortliches Handeln wachse. „Christlicher Glaube leistet einen unverzichtbaren Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt durch Haltung, Dialog und konkretes Engagement”, zeigte sich Bätzing überzeugt. Er warb auch für eine Kultur des Zuhörens und des respektvollen Streitens. Hier komme den Schulen eine besondere Bedeutung zu, denn sie seien die zentralen Orte, um junge Menschen zu Dialogfähigkeit, Empathie und demokratischer Verantwortung zu befähigen.

Nicht in die Sakristeien zurückziehen

Glaube, so Bätzing, sei keine Vergangenheit, sondern lebendige Kraft für Hoffnung, Orientierung und Einsatz für andere. Christsein bedeute, das Licht des Glaubens in die Gesellschaft hineinzutragen – durch Taten und klare ethische Haltung.

Mit Blick auf die gesellschaftliche Situation betonte Bätzing, dass Christinnen und Christen nicht aus der Öffentlichkeit verschwinden dürften: „Die Kirchen können sich nicht in die Sakristeien zurückziehen“, sagte Bätzing. Das Evangelium mit seinem Gottes-, Menschen- und Weltbild sei „hoch politisch“, weil es für Wahrheit, Gerechtigkeit und die unteilbare Würde jedes Menschen eintrete. Zugleich warnte er davor, Kirche mit parteipolitischem Handeln zu verwechseln: „Der Glaube handelt von Wahrheiten, die nicht abstimmungsfähig sind. Politik handelt von Interessen, die nicht wahrheitsfähig sind“, stellte der Bischof klar.

Keine Frage von Mehrheiten

Besonders eindrücklich entfaltete er das biblische Leitwort aus der Bergpredigt. „Ihr seid das Salz der Erde. Ihr seid das Licht der Welt“, zitierte er aus dem Matthäusevangelium und erklärte: Salz wirke in kleinen Mengen, Licht leuchte, ohne zu blenden. Christlicher Glaube sei keine Frage von Mehrheiten, sondern von Zeugenschaft. „Eine pure Konformität mit bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen ist nicht angezielt“, so Bätzing. Vielmehr gehe es um eine kritische Eigenperspektive, die einen ‚Mehr-Wert‘ für das Zusammenleben schaffe.

Konkret benannte er mehrere Beiträge, die der Glaube leisten könne: die Gottesfrage wachhalten, Hoffnung und Trost anbieten, Empathie stärken und sich entschieden für die Würde jedes Menschen einsetzen – „vom natürlichen Anfang bis zum natürlichen Ende des Lebens“. Ebenso wichtig sei es, Verständigung zu organisieren. Kirche könne Räume schaffen, in denen Menschen einander zuhören und voneinander lernen. „Wann haben Sie zum letzten Mal Ihre Meinung geändert?“, zitierte er eine Leitfrage solcher Dialogformate – und lud dazu ein, Diskussion nicht als Kampf, sondern als gemeinsamen Lernprozess zu verstehen.

Dabei griff er Gedanken zur rationalen Streitkultur auf und formulierte eine klare Haltung: „Kritik soll man nicht nur ertragen, sondern suchen“, so Bätzing.  Nur wer bereit sei, sich hinterfragen zu lassen, könne wachsen – persönlich wie gesellschaftlich.

Der Festvortrag blieb jedoch nicht abstrakt. Immer wieder wurde deutlich, wie sehr der Bischof seine eigenen Schuljahre in Betzdorf geprägt haben. „Das Prägende an Schule und Bildung sind die Lehrpersonen“, sagte er mit Blick auf anwesende frühere Lehrkräfte. Bildung sei mehr als Wissensvermittlung – sie lasse Persönlichkeiten reifen und bereite auf Verantwortung in Beruf, Familie und Gesellschaft vor.

Glaube ist kein Besitz, sondern ein Weg

Im Anschluss an den Vortrag stellten sich Schülerinnen und Schüler den Fragen, die sie bewegten. Sie wollten wissen, wie Kirche junge Menschen heute noch erreichen könne, wie der Bischof mit Kritik an der Institution umgehe und welche Rolle der Glaube in politischen Debatten spiele. Bätzing antwortete offen und persönlich. Auf die Frage nach Zweifeln erklärte er: Glaube sei kein Besitz, sondern ein Weg. Entscheidend sei, im Gespräch zu bleiben – mit Gott und miteinander.

Auf die Frage, wie Kirche glaubwürdig bleiben könne, betonte er nochmals Transparenz und Dialogbereitschaft. Fehler müssten benannt und aufgearbeitet werden. Zugleich brauche es Mut, das eigene Profil nicht aufzugeben. „Christsein heißt nicht, sich anzupassen, sondern Verantwortung zu übernehmen“, sagte der Bischof.

Bischof Georg stellte sich den Fragen von Schülerinnen und Schülern. Das Interview wird hier im Wortlaut dokumentiert: 

Schüler: Herr Bischof, Bücher oder Filme?

Bätzing: Bücher.

Schüler: Morgenmensch oder Nachteule?

Bätzing: Morgenmensch.

Schüler: Glauben mit Denken oder ohne Denken?

Bätzing: Glauben mit Denken.

Schüler: Was bedeutet der Glaube für Sie persönlich?

Bätzing: Für mich ist Glaube die Gewissheit: Gott, es gibt dich. Nicht als Theorie, sondern als Wirklichkeit. Darauf antworte ich mit meinem Leben – im Gebet, im Alltag, im Gespräch mit Gott.

Schüler: Warum verlassen viele Menschen die Kirche?

Bätzing: Wir haben Vertrauen verloren – durch Skandale und fehlende Nähe. Glaube ist heute eine bewusste Entscheidung. Das verlangt Umdenken.

Schüler: Wie stehen Sie zur Segnung gleichgeschlechtlicher Paare?

Bätzing: Das ist ein wichtiger Fortschritt. Menschen, die lieben und um Segen bitten, dürfen nicht ausgeschlossen werden.

Schüler: Sollten Frauen geweiht werden?

Bätzing: Ich wünsche es mir. Die Frage ist heute offen – das ist ein bedeutender Schritt.

Schüler: Warum bleiben Sie trotz Missbrauchsskandalen in der Kirche?

Bätzing: Weil wir sie verändern müssen – für die Betroffenen und für kommende Generationen.

Schüler: Was bedeutet die katholische Kirche für Sie?

Bätzing: Sie ist meine Heimat. Was man liebt, daran leidet man.

Schüler: Worauf hoffen Sie?

Bätzing: Auf Gott.

Stephan Schnelle

Pressesprecher

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