Cambridge/ Limburg, 26.02.2026
„Stay in touch“ – Dialog in schwierigen Zeiten
Herr Dr. van der Velden, Sie haben das Stipendiaten-Projekt des Bistums Limburg für die interreligiöse Summer School der Universität Sarajevo am 10. Februar 2026 auf einem Forschungs-Symposium an der Universität Cambridge vorgestellt – wie haben Sie den Vortrag und den Austausch vor Ort erlebt?
Ich war, ehrlich gesagt, überrascht über die Einladung zum Forschungs-Symposium „Faith, Refugees and Migration“. Das Thema meines Vortrags war anspruchsvoll und emotional fordernd. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie die Partnerbistümer Limburg und Sarajevo seit dem 7. Oktober 2023 in ihrer interreligiösen Friedensarbeit und im theologischen Dialog herausgefordert sind. Dabei ging es auch um die schwierige Perspektive möglicher Versöhnung und um die gegenseitige Anerkennung von Leid – nach dem Massaker der Hamas in Israel und im Kontext des Gaza-Krieges.
Auch in Bosnien hat sich der interreligiöse Dialog seitdem weiter verkompliziert. Gleichzeitig wirken dort die Traumata der Kriege der 1990er Jahre nach, bei denen die Fronten meist zwischen den religiösen Bekenntnissen verliefen.
Was in Cambridge besonderes Interesse weckte, war der Perspektivwechsel zwischen Deutschland und Bosnien.
Andererseits hat Bosnien seit 30 Jahren viel Erfahrung mit interreligiöser Friedensbildung. Genau hier setzt die Sarajevo Summer School an: Sie wird von der katholischen, der serbisch-orthodoxen und der islamisch-theologischen Fakultät der Universität Sarajevo gemeinsam mit der jüdischen Gemeinde Sarajevo veranstaltet.
Was in Cambridge besonderes Interesse weckte, war der Perspektivwechsel zwischen Deutschland und Bosnien. Wie stellt sich die Herausforderung des Dialogs aus Sicht zweier Ortskirchen dar, die wie das Bistum Limburg und die katholische Erzdiözese Sarajevo zwar sehr unterschiedliche historische und politische Erfahrungen gemacht haben, aber seit 30 Jahren partnerschaftlich verbunden sind? Welche Erfahrungen lassen sich teilen – und was können beide Seiten voneinander lernen? Auch deshalb versuchen wir jetzt zum zweiten Mal, Menschen aus dem Bistum Limburg über Stipendien zur Teilnahme an dieser Summer School zu ermutigen.
Wie fühlt es sich an, das Projekt in diesem internationalen akademischen Umfeld präsentieren zu können?
Es kommt nicht häufig vor, dass ein Projekt aus einer Bistumspartnerschaft an der Universität Cambridge vorgestellt wird – zumal das Woolf Institute international als renommiertes Zentrum für Religionsdialog gilt, insbesondere aus jüdischer Perspektive.
Ich habe das Publikum als fachlich interessiert und zugleich kritisch aufmerksam erlebt. Einige Teilnehmende sagten mir, sie müssten an den Inhalten „kauen“. Das empfinde ich angesichts der Schwere des Themas als angemessen – und als Zeichen ernsthafter Auseinandersetzung. Auch ich selbst ringe seit zwei Jahren mit diesen Fragen.
Welche zentralen Impulse oder Rückmeldungen nehmen Sie aus Cambridge mit?
Forschungssymposien liefern keine Patentrezepte. Sie eröffnen Räume für internationale Vernetzung und gemeinsame Suchbewegungen.
Am Woolf Institute wurden beispielsweise sogenannte „Listening Groups“ entwickelt. In geschützten Räumen hören jüdische, christliche und muslimische Teilnehmende einander zu: Welche Sorgen und welche Trauer tragen sie mit sich – angesichts des Massakers der Hamas in Israel und des Leids der Zivilbevölkerung in Gaza? Bewusst wird dabei auf gemeinsame Statements und öffentliche Dialogprojekte verzichtet, weil es die Menschen aktuell noch zu überfordern scheint.
In Sarajevo lernte ich das Projekt „Places of Suffering“ kennen. Dort stellten sich Religionsvertreterinnen und -vertreter öffentlich der Trauer und den Ängsten der jeweils anderen Seite angesichts des Bosnien-Krieges. Chancen und Risiken solcher Formate haben wir intensiv diskutiert.
Interreligiöse Friedensarbeit braucht Formate, die Trauer anerkennen, ohne neue Formen von Antisemitismus oder Islamfeindlichkeit zu befördern.
Die Kriege in Bosnien und im Nahen Osten sind historisch nicht vergleichbar. Vergleichbar ist jedoch, dass die oft schwer traumatisierten Opfer häufig keinen gesellschaftlichen Raum finden, in dem ihr Leid Ausdruck bekommt. Interreligiöse Friedensarbeit braucht daher Formate, die Trauer anerkennen, ohne neue Formen von Antisemitismus oder Islamfeindlichkeit zu befördern.
Auch die deutschen Bischöfe haben in ihrer Gaza-Erklärung vom September 2025 auf das gesellschaftlich unbeantwortete Leid auf beiden Seiten hingewiesen.
Das Symposium in Cambridge hat keine Lösungen präsentiert – aber es hat wissenschaftlich Grundlagen geklärt, Perspektiven geschärft und zur Fortsetzung des Dialogs ermutigt: Stay in touch, and carry on!
Mit Projekten wie der Summer School entwerfen die Religionsgemeinschaften ein Gegenbild zu religiös begründetem Hass und gesellschaftlicher Ausgrenzung.
Worum geht es bei der Sarajevo Summer School – und warum ist interreligiöser Dialog dort besonders relevant?
Die Summer School verbindet gesellschaftliche Friedensarbeit mit theologischen Ansätzen des interreligiösen Dialogs. Bis heute ist dieser Dialog wesentlich für den Zusammenhalt der bosnischen Gesellschaft, denn eine bosnische Identität gibt es immer nur im Plural der religiösen Identitäten des Landes.
Mit Projekten wie der Summer School entwerfen die Religionsgemeinschaften ein Gegenbild zu religiös begründetem Hass und gesellschaftlicher Ausgrenzung. Zugleich gibt es auch in Bosnien nationalistische Strömungen, die Religion politisch instrumentalisieren. Vergleichbare Entwicklungen kennen wir aus rechtspopulistischen Kontexten in Deutschland.
Welche Erfahrungen haben bisherige Stipendiatinnen und Stipendiaten gemacht?
Die Rückmeldungen zeigen eine deutliche Wirkung:
„Die Summer School steht für interreligiösen Dialog, Perspektivwechsel und persönliche Horizonterweiterung.“
„Der wichtigste Aspekt war für mich die unmittelbare Begegnung mit religiöser Vielfalt auf engem Raum: In Sarajevo reichen sich Moscheen sowie orthodoxe und katholische Kirchen bildhaft die Hand.“
„Die Aussicht auf Minarette und Kirchtürme machte erfahrbar, wie lebendige Traditionen konfliktreiche Geschichte überdauern und friedliches Miteinander ermöglichen.“
Viele der Teilnehmenden berichten von nachhaltigen Impulsen für ihre eigene berufliche und persönliche Haltung.
An wen richtet sich die aktuelle Ausschreibung – und was sollten Interessierte mitbringen?
Die Summer School richtet sich ausdrücklich nicht nur an Theologinnen und Theologen. Angesprochen sind Studierende und Promovierende aller Fachrichtungen ebenso wie Praktikerinnen und Praktiker aus Pastoral, Sozialer Arbeit, Friedensarbeit oder Pädagogik.
Spezialkenntnisse im interreligiösen Dialog sind nicht erforderlich. Wichtig sind Kontaktfreudigkeit, eine gesunde Neugier und die Offenheit für die Frage, wie interreligiöse Friedensarbeit für die eigene Professionalität wichtig werden kann – ach ja, und gute englische Sprachkenntnisse, denn die Summer School findet auf Englisch statt.
Was wünschen Sie sich für die weitere Entwicklung des Projekts?
Im Bistum Limburg konnte ich das Projekt in Zusammenarbeit mit dem Referat für für Weltkirche und Bistumspartnerschaften anstoßen. Aktuell schreiben wir zum zweiten Mal Stipendien für die Sarajevo Summer School aus.
Entscheidend ist nun, qualifizierte Interessierte zu gewinnen und das Projekt trotz knapper werdender Haushaltsmittel langfristig zu sichern. Mein Wunsch ist, dass sich die Summer School dauerhaft als fester Baustein unserer Partnerschaft etabliert.