Frankfurt, 16.02.2026
Was ein zeitgemäßes Caritasprofil ausmacht
Was zeichnet ein zeitgemäßes Caritasprofil aus? Welche Elemente können vor Ort hilfreich sein? Und wie wird die Caritas ihrem Anspruch nachhaltig gerecht? Diesen Fragen widmete sich das erste Caritas.Forum.Profil.
Karl Weber (Diözesancaritasdirektor) und Gwendolin Wanderer (Referentin Caritasprofil und Ethik beim DiCV Limburg) erläuterten die besondere Relevanz einer Auseinandersetzung mit dem Caritasprofil. Weber wies auf die Ambivalenz des Profilbegriffes hin. Aus der Sicht ihres Auftrages müsse die konkrete Not der Menschen Maßstab für das jeweiligen Handeln der Caritas sein. Die Neufassung der Grundordnung des kirchlichen Dienstes 2022 beschreibe zwar die Arbeit an einem christlichen Profil als „Gemeinschaftsaufgabe aller“ und als permanenten, dynamischen Prozess, der von Dienstgeberseite anzustoßen sei. Der Frage, welche Qualitätskriterien hier anzulegen seien, dürfe aber nicht ausgewichen werden.
In ihren Impulsen lud Wanderer dazu ein, unterschiedliche Zugänge eines Caritasprofils in den Blick zu nehmen. Sie verdeutlichte den Wert einer Caritaskultur, die Vielfalt fördert und unterschiedliche Perspektiven in einem guten Miteinander zur Geltung bringt. Gleichzeitig zeigte sie auf, dass ein Profil einerseits sowohl Identität und Orientierung vermittelt – andererseits aber auch zur Abgrenzung führen kann – ein Spannungsfeld, das es bewusst zu gestalten gelte. Als drittes Bild nutzte sie die Metapher der Spuren und Wege, die das gemeinsame und individuelle Wirken der Mitarbeitenden in der Caritas sichtbar machen.
Drei Thesen zu Caritas als Kirche
In seinem Keynote-Vortrag zum Thema „Caritas und Kirche heute: Anspruch und Herausforderungen“ stellte Bernhard Bleyer (Universität Passau) drei zentrale Thesen zum Selbstverständnis und zur Zukunft von Kirche und Caritas vor. Auf Grundlage aktueller Studien belegte er, dass die Caritas in der Gesellschaft ein deutlich höheres Ansehen genießt als die institutionelle Kirche. Flächendeckend werde die katholische Kirche hierzulande in Zukunft mehr und mehr durch ihre caritativen als durch ihre pastoralen Dienste präsent sein.
Dabei betonte er die bereits jetzt schon gegebene Vielfalt der Mitarbeiterschaft in der Caritas. Es gehe nicht um eine Eingliederung in die katholische Kirche, sondern um Repräsentanz des caritativen Einsatzes als kirchliche Aufgabe nach innen und nach außen. Dies müsse noch weiter in der Praxis bedacht werden.
„Das Profil ist so lebendig wie die ganze Organisation“
Welche tiefgreifenden Veränderungen mit der Neufassung der Grundordnung des Kirchlichen Dienstes einhergehen, wurde von Ursula Wollasch (Theologin, Sozialethikerin und freie Autorin) in ihrem Vortrag „Trägerverantwortung und Profilentwicklung: Christliche Sozialethik als Handlungskompass“ dargelegt. Der Paradigmenwechsel vom personenbezogenen zum institutionsorientierten Ansatz entlaste nicht nur Dienstgeber von der Bewertung der privaten Lebensführung ihrer Mitarbeitenden, so Wollasch, sondern erfordere zugleich neue Formen der Verantwortung auf Leitungsebene. Träger und Führungskräfte stünden vor der Aufgabe, das christliche Profil ihrer Einrichtungen aktiv zu gestalten – durch die Pflege einer wertebasierten Unternehmenskultur, ethische und religiöse Fortbildungen sowie freiwillige spirituelle Angebote. Dabei warnte Wollasch vor einer rein formalen Umsetzung dieser Instrumente. Eine echte christliche Profilbildung könne nur gelingen, wenn sie als „Ethik in Beziehung“ verstanden wird – orientiert an den Leitkriterien Praxisorientierung, Personorientierung, Perspektivisches Denken und Partizipation.
Diese vier Prinzipien verbinden laut Wollasch die Tradition der katholischen Sozialethik mit den Anforderungen moderner Organisationsführung. Damit eröffnen sie einen zukunftsweisenden Weg, christliche Werte professionell, glaubwürdig und menschennah in den Alltag sozialer Einrichtungen zu integrieren. Profilentwicklung kenne keine geschlossenen Räume und sei nie abgeschlossen, so die Referentin. Zeitlich begrenzte Projekte und Prozesse seien sinnvoll und notwendig, aber man dürfe nicht vergessen, dass Profilbildung im Alltag ständig passiere – und zwar gesteuert und ungesteuert. Denn alles, was in der Organisation getan wird, hat mehr oder weniger sichtbare Auswirkungen auf das Erscheinungsbild der Einrichtung – nach innen und nach außen. „Das Profil ist so lebendig wie die gesamte Organisation. Und so muss es auch sein, wenn das Profil mehr sein soll als eine äußere Fassade“, sagte Wollasch.
„Das Christliche Profil als Bindungsfaktor ist kein Selbstläufer“
In dem Beitrag von Julia Kleine (zuständig für Verbandsentwicklung im DiCV Limburg) ging es schließlich um den Zusammenhang zwischen dem christlichen Profil der Caritas und der Bindung von Mitarbeitenden. Sie stellte die Ergebnisse einer in stationären Caritas-Altenpflegeeinrichtungen durchgeführten Studie vor. Im Fokus stand die Frage, welche Faktoren dazu beitragen, dass Pflegekräfte ihrem Arbeitgeber langfristig treu bleiben. Dabei kristallisierte sich heraus: Das christliche Profil einer Einrichtung entfaltet dort Bindungskraft, wo Zeit für echte Zuwendung bleibt – Zeit zum Innehalten, zum Aushalten und für die menschliche Begegnung, die in der Pflege den Unterschied macht. In einem Arbeitsalltag, der zunehmend von Effizienzlogik und Ressourcenknappheit geprägt ist, wird das christliche Profil besonders dann deutlich, wenn der Arbeitgeber Freiräume schafft, in denen Mitarbeitende ihre eigene Spiritualität leben können.
Kleine resümierte: „Das christliche Profil als Bindungsfaktor ist kein Selbstläufer. Sein Erfolg hängt davon ab, ob der Arbeitgeber bereit ist, den eigenen Anspruch auch im Umgang mit Mitarbeitenden ernst zu nehmen. Wo Anspruch und gelebte Praxis auseinanderfallen, verliert das christliche Profil an Glaubwürdigkeit – und die Caritas möglicherweise eine Mitarbeiterin oder einen Mitarbeiter. Wo sie hingegen zusammenfinden, kann es zu einer tragfähigen Ressource werden, die Menschen über lange Zeit im Beruf hält – auch unter hoher Belastung.“ Damit ist das christliche Profil insbesondere für Mitarbeitende mit hohem Berufsethos ein strategischer Bindungsfaktor. „Wenn Caritaseinrichtungen das christliche Profil glaubwürdig leben, investieren sie nicht nur in ihre eigene Identität, sondern auch in die Bindung ihrer wichtigsten Ressource – ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“, sagte Kleine.
Workshops mit konkretem Blick in die Praxis
In verschiedenen Workshops resümierten die Teilnehmenden: Ein klar erlebbares Caritasprofil wird vor allem durch eine Haltung der spirituellen Autonomie, menschenwürdige Zuwendung und eine sichtbare christliche Werteorientierung in der Praxis erkennbar. Dazu, so eine Teilnehmerin, seien bedarfsgerechte Konzepte in den jeweiligen Praxisfeldern notwendig, die religiöse Werte nicht instrumentalisieren, sondern als Leitlinien menschlicher Unterstützung verstehen. In der Kinder- und Jugendhilfe liege der Fokus laut den Ergebnissen des Workshops auf einer Haltung, die die spirituelle Selbstbestimmung von Kindern und Jugendlichen achte und christliche Werte durch professionelles Handeln sowie ergänzende Angebote erfahrbar mache.
In Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen wird ein christliches Profil durch ganzheitliche Zuwendung zu Patientinnen und Patienten, Bewohnerinnen und Bewohnern, sowie Klientinnen und Klienten, Angebote von Seelsorge oder Spiritual Care sowie besondere „Optionen für die Armen” (z. B. die Behandlung und Versorgung von unversicherten Patientinnen und Patienten) sichtbar. Gleichzeitig kommen die Einrichtungen und Dienste mit der Umsetzung dieses Anspruchs an ihre Grenzen. Auf Lücken im System müsse aufmerksam gemacht werden. Das Spannungsfeld zwischen unternehmerischer Vernunft und sozialem Engagement wird als herausfordernd benannt. Dennoch bedeute das Caritasprofil in der Pflege auch „Raum für Optimismus” zu lassen.
Im Workshop „Zwischen Sozialwirtschaft und Gerechtigkeit“ wurde deutlich, dass Caritas in einem komplexen Spannungsfeld zwischen sozialem Auftrag, wirtschaftlicher Notwendigkeit und kirchlicher Identität agiert. Erörtert wurde, dass politische Lobbyarbeit und die sozialwirtschaftliche Eigenverantwortung der Träger notwendig sind, um ein glaubwürdiges christliches Profil zu etablieren.
Mehrwert von multiprofessionellen Stellen
Als klare Zukunftschancen wurden im Workshop „Sozialraumorientierung und Multiprofessionalität“ benannt. Der Mehrwert der multiprofessionellen Stellen wurde hervorgehoben, da Sozialarbeitende qua Profession besondere Qualifikationen besitzen, Menschen in ihrer Selbstwirksamkeit zu stärken und zu vernetzen. Durch ein gutes Zusammenspiel wird die caritative Arbeit im Sozialraum der Pfarreien gestärkt.
In der abschließenden Podiumsdiskussion mit den Vortragenden Ursula Wollasch und Bernhard Bleyer sowie Kerstin Fuchs (Geschäftsführerin des Jugendhilfezentrums Johannesstift GmbH, Wiesbaden) und Caspar Söling (Sprecher der Geschäftsführung der Stiftung Sankt Vincenzstift Aulhausen) setzten letztere mit ihrer praktischen Leitungserfahrung eigene Akzente. Während Fuchs den Blick auf die Führungsverantwortung für einen wertschätzenden Umgang mit den Mitarbeitenden in den Einrichtungen und Diensten der Caritas lenkte, forderte Söling unter anderem mehr Selbstbewusstsein in einer positiven Akzeptanz der christlichen Prägung als Ressource. Aus dem Publikum wurde dagegen auf die Erfahrungen langjähriger Mitarbeitenden auf die Selbstwidersprüche zwischen kirchlichem Anspruch und Wirklichkeit in der alten Grundordnung hingewiesen, die immer noch weiterwirkten.
Einigkeit bestand darin: Es braucht anerkennende Beziehungen, Offenheit für Vielfalt, und die sichtbare Umsetzung christlicher Werte in allen Arbeitsfeldern, getragen von der Verantwortlichkeit der Führungskräfte, einer solidarischen Ausrichtung auf die Armen und einer aktiven, sachorientierten Zusammenarbeit im Sozial- und Gesundheitswesen. Dafür werde der Caritasverband für die Diözese Limburg auch in Zukunft Austauschforen eröffnen, so Wanderer und Weber zum Abschluss.
Hintergrund Caritasverband für die Diözese Limburg
Der Caritasverband für die Diözese Limburg e. V. ist der Wohlfahrtsverband der katholischen Kirche und Dach- und Spitzenverband der Freien Wohlfahrtspflege in Hessen und Rheinland-Pfalz. Konkret vertritt er 796 Dienste und Einrichtungen. Dazu zählen beispielsweise Krankenhäuser und Pflegeheime, Kindertageseinrichtungen, Hospize und kirchliche Sozialstationen, Beratungsstellen sowie Einrichtungen der Behinderten- und Jungendhilfe. Aktuell werden in der Diözese Limburg 661.031 Menschen von der Caritas unterstützt, begleitet und betreut. Nähere Informationen unter www.dicv-limburg.de