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Frankfurt

Die Gnade, anders sehen zu lernen

Jean-Claude Hollerich, Kardinal von Luxemburg, hat am Samstagabend im Frankfurter Bartholomäusdom das Karlsamt geleitet und für seine ungewöhnlich politische Predigt langanhaltenden Applaus bekommen. Er mahnte, wir alle müssten eintreten für den von Kaiser Karl maßgeblich geprägten, doch heute stark gefährdeten Rechtsstaat.

„Kein Land hat das Recht, andere Länder zu überfallen, ihre Ölreserven oder ihr Wasser zu nehmen.“ Das sagte der luxemburgische Kardinal und Erzbischof Jean-Claude Hollerich am Samstagabend beim Karlsamt in seiner Predigt – und wurde damit ungewöhnlich politisch. Hollerich, der in diesem Jahr als Gast die jährliche Messe in Erinnerung an Kaiser Karl den Großen zelebrierte, stellte aktuelle weltpolitische Geschehnisse in enge Verbindung zur Zeit des Gründervaters von Europa (748 bis 814), der durch das Festlegen von Gesetzen – Kapitularien – dafür sorgte, dass alle Einwohner seines großen Reiches sich auf Recht und Gerechtigkeit berufen konnten. Kardinal Hollerich betonte: „Recht und Gerechtigkeit waren Dank Karls des Großen bisher Teil der internationalen Rechtsordnung, doch diese wird jetzt infrage gestellt. Das heißt, wir fallen in der Zeit zurück.“ Klar sei: Die Welt sei nicht da, um der Kirche zu dienen, sondern die Kirche sei da, um der Welt zu dienen. „Deshalb müssen wir eintreten für unseren Rechtsstaat, das gehört zu unserer Christenpflicht! Karl der Große hat uns heute daran erinnert“, so der luxemburgische Bischof. Für seine deutliche politische Linie bekam er spontan Applaus im Bartholomäusdom.

Frankfurts Dom ist dem Gastbischof nicht fremd, daran erinnerte der Limburger Bischof Dr. Georg Bätzing zu Beginn der feierlichen Messe, die mit ihren traditionellen lateinischen Gesängen stets einen Höhepunkt Ende Januar markiert. „Kardinal Hollerich war im Jahr 1989 vier Monate Diakon hier am Frankfurter Dom“, erklärte Bätzing. „In der Zeit des Studiums hat er auch das Karlsamt bereits miterlebt, deshalb ist das, was heute Abend geschieht, nichts, was von außen kommt.“ Jean-Claude Hollerich studierte 1989 und 1990 an der philosophisch-theologischen Hochschule St. Georgen in Frankfurt und erhielt hier das Lizenziat der Theologie.

Christiane Moser-Eggs und Michael Thurn, die die katholische Stadtkirche Frankfurt in Doppelspitze leiten, begrüßten im vollbesetzten Dom. „Mit dem Karlsamt stellen wir uns heute aufs Neue in eine lange Tradition“, sagte Christiane Moser-Eggs. „Dass wir Karls des Großen im Gottesdienst an diesem Ort gedenken, geht weit zurück. In unserem Feiern erinnern wir uns aber nicht nur daran, wo wir herkommen. Im Bewusstsein unserer Herkunft und Tradition sind wir herausgefordert, Gegenwart und die Zukunft zu gestalten. Und zwar anhand heutiger Themen und Fragen. Unser Singen und Beten ist Ausdruck davon. Es ist getragen von dem Glauben, dass Gott dabei an unserer Seite ist und es auch in Zukunft bleibt.“ Michael Thurn begrüßte die Vertreterinnen und Vertreter der Stadt Frankfurt, der der Dom als sogenannte Dotationskirche gehört, und sagte, die Stadtkirche sei sehr dankbar, dass die Stadt ihn nutzbar mache. Auch die enge ökumenische Verbundenheit hob er hervor und begrüßte namentlich den evangelischen Stadtdekan Holger Kamlah mit allen anderen Vertreter:innen der christlichen Konfessionen. Auch Mitglieder des Rates der Religionen waren in den Dom gekommen, um beim Karlsamt dabei zu sein.

Nicht erstmal bekehren müssen

Das Karlsamt, das stets am letzten Samstag im Januar stattfindet, ist traditionell gleichermaßen Tradition und Moderne, wenn in der Predigt und im Domgespräch am Nachmittag unmittelbar vor dem Karlsamt im Haus am Dom welt- und kirchenpolitische Themen zur Sprache kommen. Beim Domgespräch geht seit 20 Jahren der Gastbischof mit dem Direktor der Katholischen Akademie, Prof. Dr. Joachim Valentin, ins Gespräch. Bei dem gut einstündigen Austausch vor Publikum und mit Livestream sagte Kardinal Hollerich: „Ich werde in der Presse als ultraliberal gehandelt, fühle mich aber nicht so. Ich glaube, dass ich der katholischen Kirche treu bin. Ich bin der Meinung von Papst Franziskus, dass die Kirche für alle, alle, alle offen sein muss.“

Denn der Christus der Evangelien sei auf alle zugegangen, dafür gäbe es zahllose Beispiele in der Bibel. „Jesus geht auf Sünder zu, sucht den Kontakt, kommt zu ihnen zum Abendessen. Heute würde man sagen, bekehr dich erstmal, dann schauen wir, aber Jesus macht das umgekehrt.“ Kardinal Hollerich sieht dies als Leitbild für die Kirche: „Wir müssen zu einer Kirche werden, die von der Figur Jesus Christus inspiriert wird, und aus den Evangelien heraus handeln.“

Gewohnt, an Grenzen zu gehen

Hollerich, der in Luxemburg aufwuchs, ist es gewohnt, an die Grenzen zu gehen – im wahrsten Sinne, ist es doch in einem Land wie Luxemburg nahezu die Regel, an einer Grenze zu wohnen. Und auch die Mehrsprachigkeit seines Landes habe er seit früher Kindheit gelebt, berichtete er im Domgespräch: „Ich habe französisches Kinderprogramm geschaut und die Sprache darüber gelernt.“ Diese Pluralität in seinem Lebenslauf setzte sich fort, als er nach Tokio in den Jesuitenorden ging, in dem er heute noch beheimatet ist. Eine Art Kulturschock, der weit über sprachliche Verständigungsprobleme hinaus ging. Hollerich lernte in seiner Zeit in Tokio Japanisch – und er entwickelte ein feines Gespür für Nuancen. „Es war eine Gnade, anders sehen zu lernen“, sagt er heute über die harte Anfangszeit.

Katholiken in Tokio gehörten zu einer kleinen Minderheit, und das sei in Luxemburg nicht mehr viel anders, „auch da sind wir eine exotische Minderheit geworden als Christen.“ Doch das sei ja nicht schlimm: „Katholisch sein bedeutet, offen zu sein für die Schönheit der Welt. Ich möchte offen sein, denn man kann so viel lernen. Meinem Christsein tut es keinen Abbruch, wenn ich von anderen Religionen etwas lerne. Im heutigen Europa begegnen sich die Kulturen, das kann uns ja nur bereichern.“ Er mahnte: „Wir müssen in Europa bescheiden werden. Wir glauben, wir wären das Zentrum der Christenheit und die Leute müssten von uns lernen.“ Aber wenn er zum Beispiel nach Asien oder Afrika blicke, stelle er fest, dass Kirchen in Ländern, in denen Katholiken die Minderheit bildeten, gezwungen seien, in den Dialog zu treten. „Die Kirche erstarkt an diesem Dialog. Wenn man den Dialog verweigert, wird man kleiner an Statur, aber auch an Zahlen.“

Mit Blick auf den Synodalen Weg in Deutschland sagte Hollerich, es stehe ihm nicht zu, über eine Realität zu urteilen, die er nicht von innen kenne. Aber: „Ich respektiere das, es ist in einer großen Ehrlichkeit entstanden.“ Er bedauere, dass die Bischöfe in Deutschland gespalten seien. Im Großen wie im Kleinen müsse um Einheit gerungen werden. Immerhin bleibt der Blick in die Welt optimistisch: „Die Kirchen bewegen sich, und wieder sind es Südamerika, Asien und Afrika, wo die Kirche am stärksten reagiert. Es geschieht etwas.“

Wer nicht umdenkt, ist tot

Beim Empfang am Nachmittag im Kaisersaal des Römers schlug Stadtrat Dr. Bernd Heidenreich, der schon seit vielen Jahren die Gastbischöfe im Namen der Stadt begrüßt, einen großen Bogen durch die aktuelle Weltpolitik – und nannte auch Wladimir Putin und Donald Trump mit ihren Einflüssen auf den politischen Ton und allgemeine Werte beim Namen.

„Macht die Erinnerung an Karl den Großen und das christliche Erbe Europas in einer solchen Welt überhaupt noch einen Sinn? Handelt es sich dabei nicht längst um gesunkene Kulturgüter ohne jede Relevanz für unsere Gegenwart und Zukunft?“, fragte Heidenreich. Und gab gleich selbst die Antwort: „Das christliche Europa Karls des Großen, aus dem sich die regelbasierte Ordnung der Welt und das ethische Fundament der europäischen Demokratien entwickelt hat, ist mehr als ein Mythos. Es ist ein Gegenentwurf zur gegenwärtigen Weltordnung. Solange wir die Erinnerung an diesen Gegenentwurf wachhalten und pflegen, solange wir bereit sind, für die Werte der Demokratie im Inneren einzustehen und sie gegen äußere Feinde zu verteidigen, so lange werden die Idee Europas und sein christliches Erbe nicht untergehen.“ Mit der Feier des Karlsamtes im Kaiserdom gäben Christen und Politik in Frankfurt eine ermutigende Antwort.

Kardinal Hollerich bedankte sich für den herzlichen Empfang und berichtete, dass ihn während seiner Studienzeit in Sankt Georgen 1989 und 1990 besonders die Weltoffenheit Frankfurts tief beeindruckt habe. Karl der Große sei ein neugieriger Herrscher gewesen, der offen mit anderen Kulturen in den Austausch getreten sei, und diese Offenheit sei prägend für die Stadt Frankfurt. Europa beschrieb er als Potpourri verschiedener positiver Einflüsse. „Die europäische Kultur hat das Gute aller Kontinente übernommen. Danach sind wir aber leider behäbig geworden.“ Und auch ein Stückweit arrogant, ließ er durchblicken. Wenn Europa von oben herab auf andere Weltanschauungen blicke, sei das „dumm und überhaupt nicht christlich“, so Hollerich:  „Ich hoffe, dass Europa die Fähigkeit behält, umzudenken, und aus dieser Lethargie herauskommt. Denn wenn man nicht mehr bereit ist, umzudenken, ist man tot.“

Wir alle stehen in der Pflicht

Die Stadtkirchenleitung nutzte den Empfang nach dem Karlsamt im Haus am Dom ebenfalls für eine Einordnung. „Dass wir für Europa beten, ist in diesem Jahr so wichtig wie schon lange nicht mehr“, sagte Michael Thurn. „Ein gemeinsames europäisches Bewusstsein wird in der gegenwärtigen geopolitischen Situation immer wichtiger. Deswegen gilt es, die politischen Kräfte zu stärken, die für ein starkes Europa eintreten. Nicht umsonst haben wir besonders für die Menschen gebetet, die in der Politik Verantwortung tragen.“

Er nehme wahr, dass der Kirche von vielen Menschen dabei eine besondere Verantwortung zugeschrieben werde: „Als katholische Stadtkirche werden wir auch weiter nach Kräften unseren Beitrag für ein gutes Zusammenleben leisten, auch wenn unsere Ressourcen in den nächsten Jahren deutlich weniger werden.“ Die katholische Stadtkirche tue das ökumenisch und gemeinsam mit den anderen Religionsgemeinschaften, durch Bündnisse und Kooperationen mit städtischen Institutionen, Gewerkschaften, Sozialverbänden und Bildungseinrichtungen, durch das Römerbergbündnis für eine demokratische Gesellschaft und gegen Rechtsextremismus – und gegen jede Form von Antisemitismus. Christiane Moser-Eggs dankte besonders Kommunalpolitikerinnen und -politikern, die sich mit Leidenschaft und enormem zeitlichen Aufwand für die Menschen in Frankfurt engagierten, viele von ihnen ehrenamtlich, obwohl sie viel mehr als früher nicht nur Widerspruch, sondern auch Anfeindungen ausgesetzt seien. „Uns alle nimmt das in die Pflicht, unseren eigenen Beitrag zu leisten. Die eigene Haltung selbstbewusst zu vertreten, mutig in Auseinandersetzung zu gehen aber auch zuzuhören – das ist der Kern von wirksamen, mächtigen Bewegungen, die etwas verändern“, so die Stadtkirchenleiterin.

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