Douala
Jugendlichen eine Chance geben
In der Küstenstadt Douala ist die Arbeitslosigkeit hoch: Von der im Durchschnitt sehr jungen Gesamtbevölkerung, der Altersdurchschnitt in Kamerun liegt bei 18 Jahren, sind weit über 80 Prozent im informellen Sektor oder gar nicht beschäftigt. Das heißt, dass die meisten sich mit Gelegenheitsjobs durchschlagen müssen und in Armut leben. „Die Schere zwischen Arm und Reich ist extrem groß in Kamerun. Und sie wächst weiter“, sagt Léon Yanda, der Direktor von CODAS Caritas Douala (Le Comité Diocésain des Activités Sociales Caritas de l’Archidiocèse de Douala – Diözesankomitee für soziale Aktivitäten des Erzbistums Douala). Das ist eine Partnerorganisation von Misereor in Kamerun. „Die jungen Menschen sind schlecht ausgebildet, kommen aus armen Verhältnissen und können sich Ausbildungen kaum leisten.“ In Kamerun kostet die berufliche Bildung normalerweise Geld. Deshalb hat CODAS es sich zur Aufgabe gemacht, jungen Leuten den größten Teil der Ausbildung zu bezahlen und sie auch mit Know-how zu begleiten, zum Beispiel durch praxisorientierte Workshops und Existenzgründungsberatung. Die Selbstbeteiligung an der Ausbildung ist sinnvoll. So wird sichergestellt, dass eine Unterstützung der Person gewährleistet ist, zum Beispiel durch die Familie. Außerdem ist bei einem Eigenanteil die Motivation, die Ausbildung auch abzuschließen, deutlich höher.
Auf diese Weise wird etwas gegen die Jugendarbeitslosigkeit unternommen. Keine leichte Aufgabe: „Das Regime regiert an der Bevölkerung und besonders an den vielen jungen Menschen vorbei“, sagt Yanda. Präsident Paul Biya ist seit 1982 an der Macht, das Land wird autoritär von alten Männern regiert. „Die Korruption ist überall, Steuergelder werden verschwendet, jeder Unternehmergeist im Keim erstickt.“
Großer Andrang beim Förderprogramm
„Wir stellen bei CODAS den Menschen ganzheitlich ins Zentrum, egal welche Religion, welches Geschlecht oder welche Zugehörigkeit zu einer bestimmten Bevölkerungsgruppe die Person hat.“ So erklärt der 58-Jährige, seit über 20 Jahren schon bei CODAS, den Ansatz der Organisation. Das wird von den jungen Leuten geschätzt, nur rund 10 Prozent brechen das Programm vorzeitig ab. Jedes Jahr bewerben sich circa 1.000 Menschen, aber nur 40 können von CODAS gefördert werden. Die Organisation wählt nach bestimmten Kriterien aus: Ist eine Bewerberin motiviert und entschlossen? Kann die Familie eines Bewerbers den geringen Eigenanteil aufbringen? Ausnahmen von der Regel gibt es nur für Binnengeflüchtete, die der benachteiligten Minderheit aus dem sogenannten anglophonen Teil Kameruns angehören. Sie können bis zu 100 Prozent finanziell unterstützt werden. Mehr als 1.000 junge Menschen, also eine Zielerreichung von 125 Prozent, sind so in den letzten 20 Jahren beruflich weitergebildet worden. Über 500 davon, also 50 Prozent der erreichten Jugendlichen, wurden in Jobs vermittelt, mehr als die Hälfte davon Frauen. CODAS spricht junge Leute durch Streetworkerinnen und Streetworker an, die gezielt in die besonders bedürftigen Stadtteile gehen, Flyer verteilen, Werbung in Kirchen machen oder über Radio, Fernsehen und Social Media die Zielgruppe erreichen. Dann schauen die Mitarbeitenden von CODAS mit den jungen Menschen gemeinsam: Was braucht der Arbeitsmarkt? Am gefragtesten sind Facharbeiterinnen und Facharbeiter wie Schweißer oder Elektroniker, Grafikdesignerinnen, Personal für Küche, Catering und Bäckereien oder Modedesignerinnen und Friseure. Wie möchtest du dich orientieren? Was brauchst du dafür? Arbeitskleidung, Werkzeuge oder Räume zum Beispiel. Stück für Stück kann das nötige Material zusammengetragen werden. Wie schreibt man einen Businessplan oder einen Lebenslauf? Dazu gibt CODAS Workshops. Der Ansatz ist, die jungen Menschen in individueller Weise anzusprechen. Yanda sagt: „Da, wo du gerade stehst, da fängt der Aufbau deiner Zukunft an.“ Auf diese Weise sind die Brüder Ulrich Gansop und Silas Teyim, 21 und 18 Jahre alt, zur Ausbildung als Elektroniker in einer Werkstatt gekommen. Ihre alleinerziehende Mutter hätte sich das nicht leisten können. Dort lernen sie von ihrem Meister Bertrand Njomko nicht nur alles über Elektrotechnik, sondern auch, wie nachhaltige Kreislaufwirtschaft funktioniert. Das bedeutet, dass Geräte repariert und nicht weggeschmissen werden. „Die beiden sind richtig talentiert, neugierig und ehrgeizig“, sagt Njomko über seine Azubis.
Qualifizierung allein reicht nicht
Selbst hochqualifizierte Menschen bleiben in Kamerun oft arbeitslos, weil das Studium viel zu theoretisch ist und Uniabsolventinnen und -absolventen später ohne Praxiserfahrung auf dem Arbeitsmarkt keine Chancen haben. So wie Pauline Maïday. Die 36-Jährige hat Jura studiert und eine Ausbildung in Logistik- und Transportwesen gemacht. Beides eigentlich Berufe mit Zukunft. „Die Korruption dominiert alles“, sagt Maïday. „Wenn du aus einer Familie kommst, die nichts hat und niemanden kennt, kommst du nicht weiter in diesem Land. Egal, wie gut du ausgebildet bist.“ Pauline Maïdays Eltern sind aus dem Teil Kameruns, den man den „extremen Norden“ nennt. Ein schmaler Landstrich zwischen Nigeria und Tschad. Maïday war fünf Jahre arbeitslos, bis sie durch eine finanzielle Unterstützung von CODAS in die Selbstständigkeit als Taschendesignerin starten konnte. CODAS bringt junge Menschen auch in den Austausch. So hat sich die Jungunternehmerinnen und -unternehmer-Plattform AJEBAD (Association des jeunes batisseurs de Douala) gegründet, wo Unternehmerinnen und Unternehmer sich vernetzen und gegenseitig helfen. Mit ihren gebündelten Kompetenzen teilen sie ihren Kundenkreis, ihr Werkzeug und helfen sich solidarisch gegenseitig, wenn ein Mitglied in Schwierigkeiten gerät. „AJEBAD ist wie eine Familie“, sagt ihr Präsident des Büros Moutongo Yamb’ Thierry Lavoisier. Der Zusammenhalt ist wichtig für die jungen Unternehmerinnen und Unternehmer. Häufig würden erfolgreiche Ehemalige des Programms von CODAS auch etwas spenden für die neue Generation Auszubildender, die aus armen Verhältnissen stammt.
So etwa Koch Legrand Mine, der CODAS und seiner Disziplin seinen Aufstieg zum Küchenchef in einem der besten Restaurants in Douala, dem Yard, zu verdanken hat. Er kommt aus einer sehr armen Familie, hat tagsüber hart gearbeitet und anschließend die Abendschule besucht. Er will etwas zurückgeben und beschäftigt zum Beispiel Küchenpersonal, das ihm CODAS vermittelt. „Mir ist es wichtig, jedem Menschen, der in meiner Küche arbeitet, ein anständiges Gehalt zu zahlen. Auch dem Tellerwäscher“, sagt Mine. Er hat die Vision, die kamerunische Küche mit lokalen Produkten weltberühmt zu machen.
Junge Leute und deren Potenzial erkennen
Die Organisation CODAS füllt mit ihren Programmen eine Lücke in Kamerun. „Die Potenziale junger Menschen werden hier sonst nicht erkannt und gefördert“, sagt Marie-Madeleine Munlom, die junge Leute nach der Ausbildung in den Arbeitsmarkt vermittelt und sich freut, wenn sie erfolgreich sind. Philippe Leumbo Ngako, der Projektleiter von CODAS, sagt: „Jeder Mensch hat doch einen Traum. Er muss nur eine Chance bekommen, zur Gesellschaft beizutragen und seinen Platz in ihr zu finden.“ „Jeder Mensch hat ein Talent“, sagt auch der Mitarbeiter im Bereich für Berufsbildung, Peter Nyuybe. Dank der Unterstützung des Dorfpfarrers konnte er seinen Führerschein machen.
Dann hat er als Fahrer bei CODAS angefangen und sich hochgearbeitet. Er war derjenige, der das Talent von Ulrich und Silas erkannte und sich für die beiden bei CODAS eingesetzt hat. Peter Nyuybe sagt: „Ich komme selbst aus einer mittellosen Familie und habe nur eine Chance gebraucht. CODAS hat sie mir gegeben, ich habe sie ergriffen. Deshalb fühle ich mit Ulrich und Silas.“
Text: Susanne Kaiser, freie Journalistin
Hintergrund Misereor Fastenaktion 2026
Unter dem Motto „Hier fängt Zukunft an“ setzt Misereor sich mit seinem Partner in Kamerun dafür ein, Chancen zu ermöglichen und Zukunft zu sichern. In Douala, dem wirtschaftlichen Zentrum Kameruns, wünschen sich viele junge Menschen ein gutes Fundament für ihre berufliche Zukunft. Der Misereor-Projektpartner CODAS Caritas Douala hilft beim Start in den Beruf – durch Kostenbeteiligung an der Ausbildung, praxisorientierte Workshops und Beratung zur Existenzgründung.