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Wißmar, 06.03.2026

Protest hat viele Gesichter

Daniela Sepehri, Aktivistin, Journalistin und Publizistin, gehört zu den bekanntesten Stimmen der iranischen Diaspora. In Wißmar hat sie über die Lage im Iran gesprochen.

Daniela Sepehri braucht kein Manuskript, keine Notizen und kaum eine Minute, um den Raum in ihren Bann zu ziehen. Sie sitzt an einem kleinen Tisch in der katholischen Kirche St. Raphael in Wettenberg-Wißmar. Mit großer Klarheit und eindringlicher Präsenz beginnt sie ihren Vortrag über die Lage im Iran. Gleich zu Beginn legt sie ihr Handy auf den Tisch neben sich. Sie entschuldigt sich kurz für dieses ungewöhnliche Detail. Seit Tagen wartet sie auf einen Anruf von Verwandten im Iran. Die Telefonverbindungen ins Ausland sind immer wieder gestört oder werden gezielt blockiert. Wenn der Anruf kommt, möchte sie ihn sofort annehmen können.

Eine der profiliertesten Stimmen zur Lage im Iran

Daniela Sepehri gehört derzeit zu den bekanntesten Stimmen der iranischen Diaspora. Die in Paderborn geborene Aktivistin, Journalistin und Publizistin äußert sich regelmäßig zur politischen Entwicklung im Iran, dem Herkunftsland ihrer Eltern. Sie schreibt für große Medien und ist häufig in Talkshows zu Gast.

Dann beginnt sie zu sprechen – frei, ohne Manuskript. Rund 45 Minuten lang berichtet sie eindringlich über Widerstand, Proteste und die aktuelle Lage im Iran. Im Raum der katholischen Kirche St. Raphael herrscht konzentrierte Stille. Die Menschen hören gebannt zu, viele sichtbar erschüttert von dem, was sie hören.

Eine lange Geschichte des Widerstands

Sepehri ordnet die aktuellen Entwicklungen zunächst historisch ein. Protest gegen die Islamische Republik sei nichts Neues. Bereits am 8. März 1979, kurz nach der Machtübernahme Ajatollah Chomeinis, gingen Frauen auf die Straße. Es folgten Studierendenproteste 1999 und erneut 2009.

Eine Zäsur seien die Proteste der Jahre 2017 und 2019 gewesen, als erstmals auch große Teile der Arbeiterschaft gegen das Regime aufbegehrten - ausgerechnet jene Gruppe, die lange als soziale Basis der Islamischen Republik galt.

„Frau, Leben, Freiheit“

Im Jahr 2022 erreichte der Widerstand eine neue Dimension. Auslöser der Bewegung „Frau, Leben, Freiheit“ war der Tod der 22-jährigen Mahsa Amini. Sie war von der sogenannten Sittenpolizei festgenommen worden, weil ihr Kopftuch angeblich nicht korrekt saß, und starb kurz darauf in Gewahrsam.

Ihr Tod löste landesweite Proteste aus. Frauen verbrannten ihre Kopftücher, Menschen unterschiedlichster Herkunft gingen auf die Straße. Junge und Alte, Studierende, Arbeiter und Akademikerinnen protestierten gemeinsam gegen das Regime. Die Proteste waren dezentral organisiert und vom Regime schwer zu kontrollieren.

Brutale Repression und Hinrichtungen

Im Dezember 2025 schließlich erlebte die iranische Landeswährung Rial einen historischen Werteverfall und dieser dramatische Kursverfall habe das ohnehin angespannte Land zusätzlich erschüttert. Kurz darauf begannen Händler der Basare - die sogenannten Bazaris - gegen die wirtschaftliche Lage zu protestieren. Das galt als bemerkenswert, weil diese traditionell eher konservative Gruppe lange als eine der Stützen des Systems gegolten hatte. Wenig später schlossen sich auch Studierende den Protesten an.

Die Situation eskalierte Anfang Januar. Der Oberste Führer der Islamischen Republik, Ali Chamenei, bezeichnete die Protestierenden öffentlich als Terroristen. Für Sepehri markiert diese Wortwahl eine neue Qualität der Repression. Beschimpfungen und Strafen gegen Regimekritiker seien im Iran zwar seit Jahrzehnten Alltag, doch die pauschale Einstufung der Demonstrierenden als Terroristen habe eine neue Stufe der Eskalation bedeutet.

Kurz darauf riefen kurdische Parteien zu einem Generalstreik auf. Am 8. Januar kam es zu landesweiten Massenprotesten. Das Regime reagierte umgehend mit der Abschaltung des Internets, um Informationen aus dem Land zu blockieren. Und dann begann eine Welle der Gewalt gegen die Demonstrierenden: Beobachter gehen davon aus, dass innerhalb von zwei Tagen etwa 30.000 Menschen getötet wurden.

Sicherheitskräfte hätten gezielt auf Kopf oder Herz geschossen. Verletzte seien später sogar aus Krankenhäusern verschleppt worden. Einige der Toten trugen noch medizinische Elektroden auf der Brust - sie seien offenbar während der Behandlung erschossen worden.

„Was passiert ist, ist nicht in Worte zu fassen“, sagt Sepehri. Selbst Menschen im Iran, die über Jahrzehnte an Repression und Gewalt gewöhnt seien, fänden dafür kaum Worte. Fast jeder kenne jemanden, der getötet, verletzt oder verhaftet worden sei. Insgesamt seien rund 50.000 Menschen festgenommen worden. Unter Folter würden Geständnisse erzwungen, und manche der Gefangenen seien so jung gewesen, dass sie auf Bildern noch Schuluniformen trugen. In den überfüllten Gefängnissen erlebten die Inhaftierten häufig auch sexualisierte Gewalt.

Widerstand im Alltag

Dennoch sei der Widerstand nie verschwunden, betonte Sepehri. Im Westen habe man oft den Eindruck, die Proteste seien abgeebbt. Doch dieses Bild sei falsch. Hier stelle man sich Protest als Demonstrationen mit Fahnen und Musik vor.

Im Iran sehe Widerstand anders aus. Schon eine Frau, die ohne Hijab auf die Straße gehe, riskiere Peitschenhiebe oder Gefängnis. Politische Gefangene träten in Hungerstreik. Menschen schrieben regimekritische Parolen auf Geldscheine und brächten sie so in Umlauf.

Auch religiöse Rituale wurden zu Orten des Widerstands. Beim 40. Todestag vieler getöteter Demonstrierender, ein im schiitischen Islam wichtiger Gedenktag, versammelten sich Angehörige an den Gräbern. Statt still zu trauern, klatschten sie, sangen und tanzten, um den Mut der Getöteten zu feiern. Auch das sei Protest gewesen, betonte Sepehri.

Krieg und große Unsicherheit

Diese erneuten Proteste endeten schließlich mit Beginn des Krieges am ersten März-Wochenende 2026, als Israel und die USA mit gezielten Angriffen das Regime der Islamischen Republik töteten. Einige Menschen im Iran hätten diesen Krieg sogar herbeigesehnt, berichtet Sepehri. Andere wiederum nicht. Viele sagten nur noch: Entweder sterben wir durch die Kugeln des Regimes oder durch die Bomben des Krieges, sterben müssen wir ohnehin.

Die Zivilbevölkerung sei schutzlos den Bomben ausgeliefert, Schutzräume gebe es nicht. Besonders ungewiss sei die Lage der politischen Gefangenen.

Sepehri äußert auch Zweifel an den Zielen des Krieges. Präsident Donald Trump nenne in Interviews immer wieder unterschiedliche Begründungen: mal den Schutz der amerikanischen Bevölkerung, mal Frieden in der Region, mal die Verhinderung einer iranischen Atombombe oder die Freiheit für die Menschen im Iran. Diese wechselnden Ziele ließen ihm zugleich die Möglichkeit offen, jederzeit zu erklären, eines davon sei erreicht worden.

Am meisten fürchtet Sepehri jedoch ein anderes Szenario: dass der Krieg endet, das Regime aber bestehen bleibt. Dann könnten die neuen Machthaber mit umso größerer Härte gegen die eigene Bevölkerung vorgehen.

Viele Fragen aus dem Publikum

Nach dem Vortrag entwickelt sich eine intensive Fragerunde. Während des Vortrags hatten die Menschen im Raum förmlich an den Lippen der Referentin gehangen, jetzt melden sich viele mit Nachfragen.

Eine davon: Ist dieser Krieg völkerrechtswidrig? Sepehri antwortet klar: Darüber müsse man gar nicht lange diskutieren. Selbstverständlich sei dieser Krieg völkerrechtswidrig, nur habe diese Feststellung keinerlei Konsequenzen.

Eine andere Frage lautet, wie groß die Unterstützung für das Regime überhaupt noch sei. Eine Studie eines Forschungsinstituts aus den Niederlanden habe 2024 ergeben, dass möglicherweise weniger als 20 Prozent der Bevölkerung noch hinter der Führung stehen. Doch solche Zahlen seien schwer zu überprüfen, so Sepehri, weil es im Iran keine freien Umfragen gebe.

Was die Menschen hier tun können

Gefragt wird auch, was die Menschen hier vor Ort konkret tun können, um die Menschen im Iran zu unterstützen. Sepehri nennt viele Möglichkeiten: über das Thema sprechen, Informationen weitergeben, Solidarität sichtbar machen, kulturelle Orte ermutigen, politische Filme über den Iran zu zeigen, Hilfsorganisationen unterstützen oder Abgeordnete dazu auffordern, die Situation im Iran weiter öffentlich zu thematisieren.

Sie verweist auch auf die Browser-Erweiterung „Snowflake“, die Menschen in zensierten Internetumgebungen hilft, staatliche Blockaden zu umgehen und Informationen weiterzugeben.

Ein Abend zwischen Fassungslosigkeit und Hoffnung

Die Stimmung im Raum bleibt bis zuletzt aufmerksam und bewegt. Nach dem offiziellen Teil entstehen viele Gespräche. Am Büchertisch signiert Daniela Sepehri Bücher, beantwortet weitere Fragen und nimmt sich Zeit für die Besucherinnen und Besucher.

In vielen Gesichtern ist Fassungslosigkeit zu sehen über das, was im Iran geschieht, gepaart mit Hilflosigkeit. Gleichzeitig wächst Bewunderung für die Kraft dieser jungen Frau, die so klar und eindringlich von den Kämpfen im Iran berichtet.

Und trotz der Schwere des Themas bleibt etwas anderes im Raum: Hoffnung. Sepehri versteht es, zwischen all den erschütternden Berichten auch Humor zu platzieren, Menschen lachend mitzunehmen und ein Gefühl von Gemeinschaft entstehen zu lassen.

Am Ende gehen viele mit dem Eindruck nach Hause, dass diese Welt veränderbar ist und dass jede und jeder Einzelne einen Unterschied machen kann. Dazu kommt eine Dankbarkeit dafür, in Freiheit und Demokratie leben zu dürfen.

Das Telefon, das den ganzen Abend über neben Daniela Sepehri auf dem Tisch lag, bleibt still. Der erhoffte Anruf aus dem Iran kommt an diesem Abend nicht.

Veranstaltet wurde der Abend von der Katholischen Erwachsenenbildung Limburg und Wetzlar, Lahn-Dill-Eder (KEB) und dem Kirchenraumprojekt „Luft nach oben“.

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